Dienstag, 1. April 2025

Große Überraschung: Das Deutschlandticket trägt sich finanziell selbst

 TAZ hier  28.3.2025

Das Deutschlandticket spart mehr Geld, als es kostet – zumindest, wenn man die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen mit einberechnet. 

Zu diesem Ergebnis kommt eine am Freitag veröffentlichte Greenpeace-Studie.

„Unterm Strich trägt sich das Deutschlandticket selbst“, sagt Marissa Reiserer, Studienautorin und Verkehrsexpertin von Greenpeace, „Es ist ein Gewinn für Gesundheit, Klima und Gesellschaft.“

Der Umstieg vom PKW auf den öffentlichen Nahverkehr vermeide viele auf die Gesellschaft ausgelagerte Folgekosten der Automobilität, argumentieren die Studienautor:innen. Jeder Kilometer, der mit der Bahn und nicht mit dem Auto gefahren wird, reduziert etwa den CO₂-Ausstoß, senkt das Risiko für Unfälle und mindert gesundheitliche Schäden durch Luftverschmutzung.

All diese Faktoren zusammen betrachtet, hat das Deutschlandticket der Studie zufolge im ersten Jahr seines Bestehens zu volkswirtschaftlichen Einsparungen in Höhe von fast 4 Milliarden Euro geführt. Demgegenüber standen Finanzierungskosten von lediglich 3,45 Milliarden Euro.

Versteckte Kosten des Autofahrens

Den Wert ermittelten die Au­to­r:in­nen, indem sie die ausgelagerten Kosten des Autoverkehrs in verschiedene Kategorien aufteilten. Darunter fallen Faktoren, die sofort zu Einsparungen führen, wie etwa die Verringerung von Treibhausgasemissionen, Luftschadstoffen, Unfällen und Stau.

Diesen Kategorien ordneten die ein Durchschnittswert pro gefahrenen Autokilometer zu. Beispielsweise verursachen Unfälle jährlich Kosten in Höhe von fast 60 Milliarden Euro, die nicht von Versicherungen abgedeckt sind. Pro Kilometer ergeben sich daraus ausgelagerte Kosten von 6,4 Cent.

Diese Durchschnittswerte multiplizierten die Au­to­r:in­nen mit der mutmaßlichen Verringerung des PKW-Verkehrs durch das Deutschlandticket. Da die bisherigen Untersuchungen über den Effekt der Nahverkehrsflatrate zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, orientierten sich die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen am unteren Ende der Forschungslage. Demzufolge gingen die Au­to­r:in­nen davon aus, dass das Deutschlandticket im ersten Jahr seines Bestehens für einen Rückgang der gefahrenen Autokilometer um 7,6 Prozent sorgte.

Weitere Einsparpotenziale ergeben sich aus mutmaßlichen langfristigen Effekten eines dauerhaften Deutschlandtickets: Wenn etwa durch den Umstieg auf die Bahn Straßen nicht gebaut werden oder Menschen gänzlich aufs Auto verzichten, führe das zu einer weiteren Verringerung des CO₂-Ausstoßes. Bezieht man diese langfristigen Faktoren mit ein, erhöht sich das Einsparpotenzial sogar auf 4,88 Milliarden Euro pro Jahr.

Je günstiger, desto besser

Die volkswirtschaftlichen Einsparungen durch das Ticket potenzieren sich, je mehr Menschen das Ticket nutzen. Dies ließe sich wiederum am einfachsten durch einen günstigen Preis erreichen. Greenpeace rechnet die Ersparnis für ein hypothetisches 29-Euro-Ticket durch: Die jährlich eingesparten Folgekosten könnten sich in so auf 10,7 Milliarden Euro mehr als verdoppeln, während die Finanzierungskosten bei 5,2 Milliarden lägen.

„Das Deutschlandticket gehört langfristig auf einem niedrigeren Preis gesichert“, resümiert Reiserer. Das im Zwischenbericht der Koalitionsverhandlungen geleakte Vorhaben der Koalitionäre, den Ticketpreis ab 2027 deutlich zu erhöhen, kritisiert sie scharf: „Das ist die völlig falsche Richtung“.

Auch für das Argument, das Deutschlandticket würde Au­to­fah­re­r:in­nen benachteiligen, äußert die Greenpeace Expertin wenig Verständnis: „Die Autofahrenden zahlen einen Großteil der Kosten, die sie verursachen, nicht selbst. Jede Person, die auf den ÖPNV umsteigt, spart der Gesellschaft Kosten.“



Und diese Ungerechtigkeit kommt dann auch noch dazu...

DPA  hier  25.03.2025

Durchbruch bei den Koalitionsverhandlungen

Wohl Einigung zu Deutschlandticket – unter einer Bedingung

Eine Arbeitsgruppe von Union und SPD will am Deutschlandticket festhalten. Sie schlagen aber ein neues Finanzierungsmodell vor.

Unterhändler von CDU, CSU und SPD wollen das Deutschlandticket im Nahverkehr langfristig sichern – das Ticket soll aber von 2027 an teurer werden. 

Das geht aus dem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Papier der Arbeitsgruppe Verkehr und Infrastruktur, Bauen und Wohnen hervor. Demnach soll das Deutschlandticket zum bisherigen Preis von 58 Euro im Monat in den Jahren 2025 bis 2026 abgesichert werden. Das bedeutet, es soll in diesen Jahren keine Preiserhöhung geben. Ab 2027 soll laut Papier der Anteil der Nutzerfinanzierung "schrittweise und sozialverträglich" erhöht werden.


Tagesspiegel hier  20.12.2024

Öffentlicher Nahverkehr: Wissing für dauerhafte Fortführung des Deutschlandtickets

Unklar, wie es langfristig weitergeht: Deutschlandticket für 2025 finanziell gesichert
Nutzer des Deutschlandtickets haben nach Entscheidungen in Bundestag und Bundesrat für das kommende Jahr Planungssicherheit. Rund 13 Millionen Menschen sind mit dem Ticket unterwegs.

Rund 13 Millionen Menschen nutzen das Deutschlandticket. Man kann damit mit Bussen und Bahnen im Nah- und Regionalverkehr im ganzen Bundesgebiet fahren – unabhängig von Bundesland, Verkehrsverbund oder Tarifgebiet. Zum Januar steigt der Monatspreis um fast ein Fünftel von derzeit 49 Euro auf dann 58 Euro. ...

Wie es langfristig mit dem Ticket weitergeht, ist offen. Nur noch für das kommende Jahr sind Bundesmittel festgeschrieben. Der Bund gibt pro Jahr einen Zuschuss von 1,5 Milliarden Euro, um Einnahmeausfälle bei Verkehrsbetrieben auszugleichen - die Länder geben ebenfalls insgesamt 1,5 Milliarden Euro.

Langfristige Perspektive gefordert
Der SPD-Politiker Detlef Müller sagte, das Ticket müsse langfristig verlässlich angeboten werden, ohne dass es ständig wieder zur Disposition gestellt werde. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge bedauerte, dass man mit der Union keine dauerhafte Verlässlichkeit für das Ticket hinbekommen habe. „Niemand braucht dieses Chaos, niemand braucht diesen politischen Streit. Was wir brauchen, ist Planungssicherheit.“

Baden-Württemberg Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) forderte im Bundesrat eine verlässliche Perspektive des Tickets bis 2030. NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) sagte, die permanente Unsicherheit sei dem Erfolg des Tickets abträglich. Man brauche einen klaren Finanzierungsrahmen.

Union sieht Konstruktionsfehler 
Unions-Fraktionsvize Ulrich Lange (CSU) sagte, 2025 könne das Ticket fortgesetzt werden. Danach gebe es „Spielraum für alles Weitere oder Neue“. Das Ticket habe eine Vielzahl von Konstruktionsfehlern, an denen es am Ende fast gescheitert wäre. Es sei nicht solide finanziert. „Mit 58 Euro ist dieses Ticket nicht finanziert.“

Der Bund mische sich in eine Länderaufgabe ein. Und der ländliche Raum werde benachteiligt. „Das Auto bleibt Verkehrsmittel Nummer eins, vor allem im ländlichen Raum. Da kann auch ein Deutschlandticket nicht hinwegtäuschen.“

Hängepartie 2025?
Im kommenden Jahr drohen damit erneut lange Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zur Finanzierung des Tickets. Dabei dürfte es auch um eine Erweiterung des Angebots gehen. So wollen die Grünen eine familienfreundliche Regelung zum Mitnehmen von Kindern. 

Greenpeace-Verkehrsexpertin Marion Tiemann sagte, die „peinliche Zitterpartie“ um das Erfolgsticket gehe im nächsten Jahr weiter. „Sein volles Potenzial für die Entlastung von Haushalten, den Schutz des Klimas und auch eine Digitalisierung im Verkehr wird das Ticket nur mit einer dauerhaften Absicherung entfalten.“

Ähnlich äußerte sich Bundesverkehrsminister Wissing. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur, im Deutschlandticket stecke sehr viel Innovationskraft. „Das ist ja nicht nur ein praktischer und preislich attraktiver Fahrschein, sondern das Deutschlandticket ist auch eine Digitalisierungsoffensive für den öffentlichen Personennahverkehr.“

Die Digitalisierung im öffentlichen Nahverkehr sei dringend nötig. Eine Weiterentwicklung des Tickets könne es allerdings nur dann geben, wenn es entfristet werde. „Ich appelliere an alle, das zu tun. Die Bürgerinnen und Bürger wollen es.“

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