Donnerstag, 9. April 2026

Katherina Reiches Selbsttäuschung

 Na da hat Ministerin Reiche aber ganz schön daneben gelangt, mit ihrem Gastbeitrag in der FAZ. Bleibt nur die Frage: Als wie seriös kann man die FAZ noch bezeichnen, die einen so wenig Fakten-basierten Schwurbel-Gastartikel auch noch abdruckt? Müsste da nicht wenigstens eine Grundlagen-Recherche erfolgen?

Mit Fakten hat sie`s halt nicht so, die Frau Reiche, und mit ehrlichen Aussagen halt auch nicht.
Es ist leider sehr durchschaubar - und wer weiß das noch nicht -  wessen Ziele sie erreichen möchte.
Die der Bürger sind es jedenfalls nicht.
Gut dass sich endlich Widerstand regt.
Wobei: wer hat sich eigentlich noch nicht über Frau Reiche beschwert? Und was nützt es?


FAZ hier

Petra Pinzler / LinkedIn

Reiche will „ernsthafte Energiepolitik“ 🥴

Mal abgesehen davon, dass das klingt wie das PR Deutsch ihrer neuen PR Berater: War davor, alles unernst?

Defacto sollen die Netzbetreiber die Macht über die Energiewende bekommen (also ihre Ex-Arbeitgeber und Co) Die sollen entscheiden, wo Erneuerbare zugebaut werden. 

Und dann betont die Ministerin wieder mal, dass sie den Kosten und der Wirtschaft verpflichtet sei. Mal ganz abgesehen davon, dass es der Wirtschaft jetzt besser ginge, wenn sie nicht so von ausländischen Gas abhängig wäre. 

Es gibt da auch noch diese Kleinigkeit und die heißt Grundgesetz. Das verpflichtet auch Wirtschaftsministerin Reiche, dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen. Und deswegen das Klima zu schützen. (aber das nur am Rande.)


Kein neuer Gedanke in der schwersten Energiekrise

7. April 2026  

Ein offener Brief über Selbsttäuschung von Chefredakteur Martin Jendrischik an die Bundeswirtschaftsministerin.

Sehr geehrte Frau Reiche,

es ist gut, dass Sie durch die neue PR-Unterstützung präsenter in den Medien sind. Zuletzt sah ich ein Interview bei Welt TV um 12 Uhr mittags. Ihre Ministeriums-Videos sind professioneller geworden. Und jetzt haben Sie über Ostern einen Gastbeitrag für die FAZ über Selbsttäuschung in der Energiepolitik geschrieben.

Enttäuschend daran ist, dass in Ihrem Gastbeitrag „Schluss mit der Selbsttäuschung in der Energiepolitik” keinerlei neue Aspekte zu finden sind. „Eine der schwersten Energiekrisen der Geschichte” ist eine richtige Aussage – aber daraus folgen bei Ihnen keinerlei neue Erkenntnisse oder Maßnahmen? Das ist angesichts dessen, was überall auf der Welt passiert, sagen wir: seltsam.

Sie schreiben über die „Selbsttäuschung” – und meinen damit, man habe in den Jahren zuvor einseitig erneuerbare Energien ausgebaut, aber die Systemkosten nicht im Blick gehabt. In Ansätzen mag das stimmen, aber: Sie sind jetzt fast ein Jahr in Amt und Würden. Wollen Sie immer weiter einseitig den erneuerbaren Energien die Schuld für steigende Strompreise allein zurechnen? Das ist nicht seriös.

Was ebenfalls enttäuschend ist: Zahlen nennen Sie konkret immer nur in Bezug auf Kosten für erneuerbare Energien sowie Ausbau- und Klimaziele. Und diese stimmen größtenteils nicht einmal. Es ist schlicht falsch, dass die Abregelung von Solar- und Windkraftanlagen pro Jahr drei Milliarden Euro kosten würde. Wieso brauchen Sie solche Unwahrheiten, um Ihre Politik zu begründen?

Keine konkreten Zahlen liefern Sie hingegen in Bezug auf die Kosten für fossile Importe (80 Milliarden Euro pro Jahr!), entsprechende fossile Subventionen (65 Milliarden Euro pro Jahr laut Umweltbundesamt) oder im Hinblick darauf, wie Sie eigentlich die Klimaziele einhalten wollen.

Aus meiner Sicht ist Ihr gesamter Politikansatz eine Selbsttäuschung. 

Sie torpedieren die Bürger-Energiewende und somit all das, was wir als Flexibilitäten bezeichnen. Marktakteure versichern, dass über ihre virtuellen Kraftwerke ebenfalls „gesicherte Leistung“ erbracht werden kann. Eine Marktchance erhalten sie bei Ihnen allerdings nicht.

Sie schauen viel auf Kosteneffizienz. Das ist gut, Frau Reiche. Aber Sie heben die Effizienzpotenziale der Erneuerbaren nicht. Etwa Überbauung von Netzknotenpunkten, weil Wind und Solar kaum zeitgleich ihre Maximalleistung erreichen. Oder die Einsparpotenziale beim Netzbau auf allen Ebenen – vom Verteilnetz bis zum Europäischen Verbundnetz.

Besonders besorgniserregend ist Ihre Strategie bei der Gasversorgung. 

Mitten in einer Krise, die durch fossile Abhängigkeit entstanden ist, streben Sie langfristige Lieferverträge mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko an. Sie schaffen damit genau die Abhängigkeiten neu, die uns in diese Krise geführt haben. Nur mit anderen Lieferanten. Das ist keine Diversifizierung – das ist ein fossiler Lock-in für Jahrzehnte.

Kanzler Merz hat Ostern als Moment des Aufbruchs beschrieben. Meine Empfehlung: Kloppen Sie Ihre bisherigen Gesetzentwürfe in die Tonne, stoppen Sie die Selbsttäuschung und starten Sie einen neuen Aufbruch. Einen, der ein erneuerbares System denkt, und nicht einem halben erneuerbaren System ein fossiles System überstülpen möchte. Ja, die Erneuerbaren sind erwachsen geworden: Setzen Sie sie auch so ein!

Viele Grüße,

Martin Jendrischik





Malte Kreutzfeldt ‪@mkreutzfeldt.bsky.social‬

In ihrem aktuellen FAZ-Gastbeitrag beklagt Katherina Reiche eine "Selbsttäuschunug" in der Energiepolitik. Tatsächlich fällt der Täuschungsvorwurf aber teilweise auf sie selbst zurück, denn der Text enthält diverse falsche oder irreführende Zahlen. Ein Thread.

Reiche schreibt, in Deutschland „explodierten die Strompreise“. Belegt werden soll das mit dieser Aussage: „Deutsche Haushalte zahlen bis zu 37 Cent pro Kilowattstunde“. 


Die Zahl ist korrekt, aber sie belegt keinesfalls eine "Explosion" der Strompreise. Denn der  Haushaltsstrompreis liegt damit aktuell nur 25 Prozent höher als vor zehn Jahren. Damit ist der Strompreis sogar weniger stark gestiegen als der allgemeine Verbraucherpreisindex im selben Zeitraum. 



Bei kleinen und mittleren Industriebetrieben lag der Strompreis zuletzt sogar so niedrig wie in keinem anderen der letzten zehn Jahre. (Und der zwischenzeitige starke Anstieg lag nebenbei bemerkt nicht an der Energiewende, sondern an den stark gestiegenen Gaspreisen.) 


Reiche schreibt, der Anteil erneuerbarer Energien am „Gesamtenergieverbrauch“ habe 2025 „gerade mal bei knapp einem Fünftel“ gelegen. Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. 


Erstens stimmt schon die Zahl nicht; laut AG Energiebilanzen betrug der Anteil der Erneuerbaren am Primärenergieverbrauch (den Reiche offensichtlich meint) im letzten Jahr 20,8 Prozent, was nicht ein knappes, sondern ein gutes Fünftel ist.


Viel wichtiger ist aber, dass der Primärenergiebedarf die vollkommen falsche Bezugsgröße ist, um den Fortschritt der Energiewende zu beurteilen. Denn dieser enthält auch die gesamte Energie, die als Abwärme verloren geht, vor allem in fossilen Kraftwerken und Verbrennungsmotoren. 

Diese bisher verschwendete Energie muss aber natürlich gar nicht durch erneuerbare ersetzt werden. Für eine vollständige Energiewende muss die Menge der erneuerbaren Energien darum nicht verfünffacht werden, wie das von Reiche genannte bisher erreichte "Fünftel" nahelegt. 

Wenn man stattdessen die tatsächlich benötigte Energie ("Nutzenergie") betrachtet, sieht man, dass eher eine Verzweieinhalbfachung der Menge der Erneuerbaren erforderlich ist - ebenfalls noch eine große Aufgabe, aber eben eine nur halb so große, wie Reiche impliziert

Auch beim Thema Redispatch-Kosten argumentiert Reiche weiterhin nicht sauber. Sie schreibt nun, es würden fast drei Milliarden Euro bezahlt „dafür, dass Windräder und Solaranlagen abgeregelt werden, weil die Netze den Strom nicht aufnehmen können“.


Dass ist dichter an der Realität als frühere Aussagen der Ministerin, wonach die drei Milliarden Euro komplett als Entschädigung für den abgeregelten Wind- und Solarstrom gezahlt würden, obwohl das tatsächlich nur 433 Millionen Euro sind. 

Die neue Aussage kann nun auch so verstanden werden, dass mit der Summe die Gesamtkosten für den Redispatch gemeint sind, von denen der Großteil auf das Hochfahren konventioneller Kraftwerke hinter dem Engpass entfällt

Aber korrekt ist die Aussage trotzdem noch noch nicht. Denn der abgeregelte Strom betrifft laut @bnetza.bsky.social nur zu 60 Prozent Erneuerbare-Energien-Anlagen und zu 40 Prozent fossile. 



Das BMWE nennt auf Anfrage niedrigere Zahlen für den konventionellen Redispatch. In jedem Fall bleibt aber festzuhalten, dass die Redispatch-Kosten keinesfalls komplett den erneuerbaren Energien zugerechnet werden können, wie Reiche es in der FAZ tut. 

Daneben gibt es noch ein paar weitere fragwürdige Aussagen - etwa dass Reiche beim 80-Prozent-EE-Ziel für 2030 mal wieder den wichtigen Zusatz "mindestens" unterschlägt. 




Zuerst berichtet habe ich über dieses Thema im Climate.Table, dem klimapolitischen Fachnewsletter von @table.media  hier  (hinter Bezahlschranke)

Faktencheck: Wie die Wirtschaftsministerin die Energiewende schlechtrechnet

In einem Gastbeitrag in der FAZ bekennt sich Katherina Reiche zwar zur Energiewende, relativiert aber zugleich deren bisherigen Erfolg und betont die hohen Kosten. Mehrere Zahlen, die sie dabei verwendet, sind aber falsch oder irreführend.

Und hier noch die Quellen: 


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