hier Von Rico Grimm May 5, 2026
-€855/MWh: Was Energiemanager daraus machen können
Minuspreise für Strom können zu einem mächtigen Werkzeug für Mittelstand und Gewerbe werden.
Das Maiwochenende brachte strahlenden Sonnenschein – und neue Minuspreisrekorde an den Strombörsen. Es würden helfen: Speicher, logo. Ich schaue deswegen heute auf ein enges Segment: Gewerbespeicher. 2026 wird das Jahr ihres Durchbruchs.
Negative Strompreise sind ein Werkzeug. Dank dreier Reformen können es auch Mittelstand und Gewerbe ab 2026 nutzen.Wer Strom speichern kann, verdient an extremen negativen Strompreisen. Durch drei Reformen kann das ab 2026 auch der Mittelstand sein. Gewerbespeicher fangen an, sich zu rechnen.
Was passiert ist
Sonntag, 26. April: Der Day-Ahead-Spotpreis an der Strombörse EPEX fiel auf minus €480/MWh um 14 Uhr. Erneuerbare deckten den gesamten Inlandsbedarf; drei Gigawatt konventionelle Erzeugung blieben am Netz und drückten die Preise weiter.
1. Mai (Feiertag): Day-Ahead zwischen 12:45 und 14:30 bei minus €500/MWh – die technische Marktgrenze der EPEX-Spot-Auktion (unter minus €499,99 wird nicht mehr abgebildet). Im Intraday-Markt rutschte der Preis um 14:00 auf minus €855/MWh.
Energieökonom Lion Hirth rief am 1. Mai auf LinkedIn PV-Besitzer auf, ihre Anlagen abzuschalten. Seine Diagnose: Deutschland habe kein Erzeugungs-, sondern ein Flexibilitätsproblem.
Im Jahr 2025 zählte Deutschland 573 Stunden mit negativem Day-Ahead-Preis. 2026 bis Ende April waren es bereits 146, Branchenbeobachter rechnen je nach Wetter und PV-Zubau mit 700 bis 900 Stunden für das Gesamtjahr.
Marktdesign-Faktor: Seit 1. Oktober 2025 wird der Day-Ahead an der EPEX in Viertelstunden statt Stunden auktioniert. Wo früher die Mittags-PV-Spitze über 60 Minuten gemittelt im Preis verschwamm, wird heute jede Viertelstunde einzeln gepreist – Hoch- und Tiefpunkte werden steiler.
Warum das jetzt eine Chance für den Mittelstand ist
Was Gewerbe-Energiemanager bisher aufgehalten hat: Die Regulierung machte Speicher und Flexibilität unattraktiv.
Speicher, die PV-Eigenstrom UND Netzstrom luden, fielen aus der 20-jährigen Netzentgeltbefreiung des §118 Abs. 6 EnWG komplett raus.
„Alles-oder-nichts“: Wer auch nur einen Teil seines Eingangsstroms aus dem Netz holte, zahlte volle Netzentgelte. Gleichzeitig war unklar, was Speicher überhaupt durften. Batterien, die mehrere Erlösquellen kombinierten – Eigenverbrauch, Lastspitzenkappung, Spotmarkt-Trading –, betraten eine juristische Grauzone.
In der Branche werden zwei Begriffe genutzt: „Mixed-Use“ beschreibt die Stromherkunft (PV plus Netz), „Multi-Use“ die Erlösquellen. Juristisch ist die Trennung unscharf, in der Praxis ist ein Multi-Use-Gewerbespeicher fast immer auch ein Mixed-Use-Speicher.
Nun stehen drei Reformen an, die Klarheit schaffen:
§118 Abs. 6 EnWG
Der Bundestag hat am 13. November 2025 ein einziges Wort im Gesetz getauscht: „wenn“ wurde zu „soweit“. Effekt: Mixed-Use-Speicher sind jetzt anteilig netzentgeltbefreit, für 20 Jahre.
Befreit ist der Anteil des bezogenen Netzstroms, der nachweislich wieder zurückgespeist wird – strommengenbasiert über den Eingangsstrom. Damit werden Multi-Use-Geschäftsmodelle ab 2026 erstmals wirtschaftlich tragfähig. Die genaue Bilanzierungsmechanik (Messkonzept, Zeitfenster) wird die Bundesnetzagentur erst über das MiSpeL-Verfahren festlegen – bis dahin steht die Befreiung nach Einschätzung des Forschungsinstituts FfE auf dünnem Eis. Stichtag für die Inbetriebnahme: 4. August 2029.
§19 Abs. 2 StromNEV
Wer seine Jahres-Höchstlast nachweislich aus dem Hochlastzeitfenster verschiebt, kann 20 bis 40 Prozent Netzentgeltrabatt bekommen. Das Hochlastzeitfenster ist die Zeit, in der das lokale Verteilnetz am stärksten belastet ist – meist abendliche Spitze plus Wintermorgen. Jeder Verteilnetzbetreiber publiziert sie bis 31. Oktober für das Folgejahr.
Der Schwellwert: Die Differenz zwischen Jahres-Höchstlast und Höchstlast im Hochlastzeitfenster muss mindestens 100 kW betragen. Parallel läuft das jahrzehntelang geltende Bandlast-Privileg der BNetzA aus: Künftige Sondernetzentgelte sollen Flexibilität belohnen, nicht mehr konstanten Bezug. Der Anreiz dreht sich von „konstant verbrauchen“ auf „flexibel verbrauchen“.
MiSpel
Die Bundesnetzagentur hat im Juli 2025 das Festlegungsverfahren zur Marktintegration von Speichern und Ladepunkten eröffnet; Frist 30. Juni 2026. Während § 118 EnWG die Netzentgelt-Frage löst, regelt MiSpeL parallel die EEG-Förderebene: Darf ein Speicher EEG-geförderten PV-Strom UND Netzstrom mischen, ohne den Förderanspruch des grünen Stroms zu verlieren? Bisher killte die Mischung die Förderfähigkeit – das ist der zweite große Hebel, der Multi-Use bisher verhindert hat. Die BNetzA arbeitet an zwei Optionen: einer viertelstündlichen Bilanzierung für größere Anlagen und einer Pauschalannahme für Anlagen bis 30 kWp.
Welche Firmen heute schon Gewerbespeicher nutzen: zwei Beispiele
In Oldenburg und Stolberg laufen die Gewerbespeicher bereits.
Bernard Matthews Oldenburg aus der Geflügel- und Lebensmittelverarbeitung, hat im Januar 2026 einen 200-kWh-Speicher in Betrieb genommen. Energiemanagement und KI-Steuerung übernimmt die Berliner Fion Energy. Der Speicher fährt Eigenverbrauch, Lastspitzenkappung und Spotmarkt-Arbitrage parallel. Laut Anbieter soll sich die Batterie in drei bis vier Jahren amortisieren.
Kerschgens Werkstoffe & Mehr in Stolberg ist ein Stahlhandel und damit der typische Mittelstands-Lastkunde: hohe, ungleichmäßige Spitzen, die im schlimmsten Fall zu hohen Netzentgelten im Hochlastzeitfenster führen können. Die Firma hat seit 2023 einen Voltfang-Speicher installiert.
Ein Feldtest des Speicherherstellers Tesvolt zeigte vergangenes Jahr, dass sich mit Gewerbespeichern vier- bis fünfstellige Monatserlöse nur durch das Trading am Strommarkt erzielen lassen können.
Früher waren Gewerbespeicher Sonderfälle.
Heute werden sie zur normalen Anlagenklasse.
Aber nicht jeder Gewerbespeicher ist eine gute Idee
Die Fixkosten der Direktvermarkter – Onboarding-Pauschale, jährliche Grundgebühr, Bilanzkreismanagement, Trading-Marge – fallen unabhängig von der Anlagengröße an.
Eine Fraunhofer-ISE-Studie für die EWS Schönau zeigt das Extrem an PV-Kleinanlagen unter 10 kWp: Dort fressen die Gebühren bis zu 69 Prozent der Markterlöse auf. Für Gewerbespeicher gilt die gleiche Mechanik in abgemilderter Form: Wer mit unter 100 kWh plant, sollte genau nachrechnen.
Um das durchzurechnen, braucht es zudem fähiges Personal. Oder mindestens Mitarbeiter, die Lust darauf haben, sich einzuarbeiten und den Rest des Unternehmens zu überzeugen.
Für eine Studie hatten Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) 20 Industrie- und Gewerbeunternehmen interviewt, nicht direkt zu Gewerbespeichern, aber zum verwandten Fall der Laststeuerung. Ihr Befund: Unternehmen flexibilisieren ihren Energieverbrauch nicht, weil sie Qualitätseinbußen und Produktionsstörungen fürchten – und weil unklar ist, wie viel Gewinn dabei herauskäme.
Zuletzt:
Die 20-jährige Netzentgeltbefreiung gilt aktuell nur für Speicher, die bis zum 4. August 2029 in Betrieb gehen.
Wer 2030 oder später ans Netz geht,
wird im schlimmsten Fall doppelt belastet.
Wo anfangen
Der erste und wichtigste Schritt, ohne den alle folgenden nutzlos blieben:
Den Lastgang über 12 Monate analysieren. Dafür braucht es ein registrierendes Lastprofil (RLM) oder ein Smart Meter mit 15-Minuten-Auflösung. Wer das nicht hat: zuerst Mess-Dienstleister beauftragen. Ohne Lastgang lässt sich die Wirtschaftlichkeit eines Gewerbespeichers nicht seriös durchrechnen.
🍏 Was ich denke
Günstiger wird die Gelegenheit für den Mittelstand nicht mehr, einen Gewerbespeicher wenigstens einmal durchzurechnen.
Minuspreise am Strommarkt, ein Gesetzgeber, der den Weg frei macht und stark fallende Batteriepreise haben etwas geschaffen, was die Angelsachsen am Finanzmarkt mit dem schönen Wort eines „Goldlöckchen-Moments“ charakterisieren (angelehnt an ein altes Märchen).
Wer erst in ein paar Jahren startet, trifft auf einen reiferen Markt und kann ein paar Fehler vermeiden, sicher. Die Margen werden aber auch nicht mehr so gut sein. Denn das System klemmt aktuell – minus €855/MWh am Spotmarkt sind das deutlichste Signal dafür. Aber je mehr Speicher ans Netz gehen, desto flacher werden solche Ausschläge verlaufen.
Betriebe und Firmen haben dabei einen Vorteil, den Privatleute nicht zwangsläufig haben: Platz.
Das durchschnittliche Hallendach, verbunden mit einem durchschnittlichen Firmenparkplatz, erlaubt es, alles etwas größer zu denken, als im heimeligen Garten des eigenen Hauses möglich ist – wo im Zweifel ein schöner Rosenbusch wertvoller ist als noch das 23. Solarmodul.
Wenn die deutsche Industrie nachzieht, markiert das Wochenende vom 1. Mai 2026 den Punkt, an dem negative Strompreise vom Symbol zum Werkzeug wurden.
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