Was wird angestrebt und warum? Hat Thomas Reinsch recht, wenn er auf den großen Schwachpunkt der "Reform"-Idee hinweist?
Da wegen der Pläne der Bundesregierung die nächste Renten-Debatte droht, hier ein kleines Renten-ABC
Es handelt sich um Fakten, die bei dem ifo Institute – Leibniz Institute for Economic Research-Instituts, dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, dem Sachverständigenrat Wirtschaft und leider auch in vielen Zeitungen, Radio-Beiträgen und Talkshows unerwähnt bleiben. Sie sind aber wichtig um die Realität der Rente einzuschätzen.
🤚 Der Rentenbeitrag ist nicht gestiegen, sondern gesunken, von 20,3 Prozent (1997) auf 18,6 Prozent (2026); und selbst wenn er bis 2030 auf 19,8 Prozent steigt, liegt er immer noch niedriger als vor 30 Jahren. Seitdem haben wir mehr als drei Millionen Rentner hinzubekommen, die im Schnitt fünf Jahre länger leben.
🤚 Wir haben nicht "immer weniger Beitragszahler", sondern immer mehr. Die Zahl der Menschen, die arbeiten und Sozialabgaben zahlen, ist seit 2010 um etwa sieben Millionen Menschen gestiegen auf knapp 35 Millionen Menschen. Bis 2030 soll die Zahl der Beitragszahler laut Rentenversicherung weitgehend stabil bleiben.
🤚 Der Staat zahlt auch nicht immer mehr in die Rentenkasse ein. Seit 25 Jahren liegt der Anteil, den der Bundesfinanzminister überweist, bei etwa einem Viertel des Haushalts.
Weil die Wirtschaft, die Steuereinnahmen und das Haushaltsvolumen gestiegen sind, ist auch der Bundeszuschuss gestiegen, in absoluten Zahlen. Die relative Belastung blieb hingegen gleich, obwohl wir Millionen mehr Rentner haben, die länger leben.
🤚 Der Bundeszuschuss ist keine Subvention, obwohl das viele behaupten.
Deutschland finanziert seine Alterssicherung über Steuern und Abgaben wie dutzende andere Länder auch.
Bei uns fließt der Großteil in die gesetzliche Rente, in anderen Ländern wie Dänemark oder Niederlande in eine Mindestrente.
Subventioniert werden hierzulande nur die Pensionen von Abgeordneten, Beamten und Professoren, die keinen Beitrag zahlen und aus den Steuern von Supermarktkassiererinnen und Busfahrern finanziert werden. Dafür liegen diese Pensionen wesentlich höher als die gesetzlichen Renten.
🤚 Deutschland gibt wenig für die Rente aus.
In den letzten 20 Jahren ist der Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesunken, von 10,4 Prozent (2004) auf 9,4 Prozent (2024); selbst mit den Ausgaben für die Beamtenversorgung (etwa zwei Prozent des BIP) liegen wir in der EU unter dem Durchschnitt von 12,3 Prozent, obwohl die Bevölkerung überdurchschnittlich alt ist.
🤚 Das Rentensystem ist für die Arbeitgeber sehr günstig.
Anders als in Dänemark, Niederlande oder Schweden zahlen sie keine hohen Betriebsrenten, und sie zahlen auch weniger Sozialabgaben als die Arbeitnehmer, zum Beispiel in der Krankenversicherung.
Das ist in Spanien, Frankreich, Italien, Großbritannien, Japan, Österreich oder Schweden anders. Dort zahlen die Arbeitgeber höhere Sozialbeiträge als die Arbeitnehmer.
🤚 Die schwedische Aktienrente taugt als Vorbild wenig, weil die Alterssicherung anders organisiert ist.
In Schweden gibt es vier Ebenen:
- eine steuerfinanzierte Mindestrente (plus einen Wohngeldzuschuss), die jeder bekommt, der eine bestimmte Zeit in Schweden gelebt hat.
- Es gibt eine umlagefinanzierte Arbeitnehmerrente, ähnlich wie in Deutschland, wo die Arbeitgeber wesentlich höhere Beiträge zahlen als hierzulande.
- Plus eine Betriebsrente, die zu 100 Prozent von den Firmen bezahlt wird, und schließlich
- eine Aktienrente, die etwa 5 bis 10 Prozent der gesamten Altersbezüge ausmacht, aber weitgehend aus Steuermitteln bezahlt wird.
- Der Arbeitnehmer kann seine gezahlten Beiträge mit der Steuerschuld verrechnen. Konkret: Wer 10.000 Euro Steuerschuld und 6000 Euro Rentenbeiträge gezahlt hat, zahlt nur 4000 Euro Steuern.
🤚 Dass in anderen Länder höhere Renten fließen, liegt vor allem daran, dass sie mehr Geld dafür ausgeben, wie etwa Österreich, Frankreich, Italien.
In Finnland zum Beispiel liegt der Anteil am BIP bei fast 14 Prozent. Würden wir so viel wie Finnland ausgeben, hätte die Rentenversicherung fast 100 Milliarden Euro mehr. Viele Länder belasten die Arbeitgeber auch stärker, wie Dänemark, Niederlande oder Schweden, dort zahlen sie eine üppige Betriebsrente oder höhere Sozialabgaben als die Arbeitnehmer. Der Kapitalmarkt spielt keine große Rolle.
🤚 Die Alterung entscheidet nicht, wie teuer die Rente wird.
Das zeigt der Altenquotient, also das Verhältnis zwischen den Menschen über 65 und denen zwischen 20 und 65 Jahren.
Der Quotient ist seit 2000 gestiegen, von etwa 27 auf derzeit 38; heute kommen auf 100 Menschen zwischen 20 und 65 Jahren etwa 38 Menschen über 65 Jahren, statt 27. Das Land ist also gealtert.
Doch der Rentenbeitrag ist im gleichen Zeitraum gesunken, von 20,3 Prozent auf 18,6 Prozent. Entscheidend ist, die Beschäftigung und die Löhne, sie entscheiden über die Kosten der Rente, nicht die Alterung.
🤚 Länger arbeiten hilft der Rentenkasse wenig.
Die Rente mit 67 hat laut BMAS nur 0,2 Beitragssatzpunkte nach acht Jahren eingespart. Das sind 3,2 Milliarden Euro. Bei täglichen Ausgaben von einer Milliarde Euro hat die Rente mit 67 die Finanzierung der Rente für drei Tage gesichert.
🤚 Den Renteneintritt an die Lebenserwartung zu koppeln bringt ebenfalls wenig, das hat der Sachverständigenrat in seinem Gutachten von 2023 berechnet (Jahresgutachten 2023, S. 351)
Nach 30 Jahren läge der Effekt bei 0,7 Beitragssatzpunkten, also knapp 12 Milliarden Euro, weil die Rentenversicherung dann mindestens zwei Milliarden Euro pro Tag ausgibt, wäre die Finanzierung der Rente für eine knappe Woche gesichert.
🤚 Demografie ist keine reine Mathematik.
Demografie ist vor allem ein Meer von Prognosen, von denen die meisten nicht eintreten. Ging es in den letzten Jahrzehnten um Sterbeziffern, Geburtenraten, Migrationstrends, Arbeitskräfte, Rentenbeiträge oder die Bevölkerungsentwicklung, lagen die Experten in der Regel falsch. Seit 100 Jahren erzählen diverse Experten, dass Deutschland schrumpfen soll, doch es leben immer mehr Menschen hier, obwohl im Zweiten Weltkrieg 6,5 Millionen Deutsche gestorben sind.
- Im Jahr 2003 erwartete das Statistische Bundesamt, dass Deutschland schrumpfen wird;
dies sei "unausweichlich". Seit 2010 ist das Land um 3,5 Millionen Menschen gewachsen. - Im Jahr 2011 prognostizierte die Bundesagentur für Arbeit, dass bis zum Jahr 2025 etwa 6,4 Millionen Erwerbstätige fehlen werden. Wir haben seitdem sieben Millionen Menschen hinzubekommen, die arbeiten, Steuern und Sozialabgaben zahlen.
Der Rentenbeitrag sollte heute bei 26 oder 27 Prozent liegen, da waren sich die Experten um die Jahrtausendwende sicher. Er liegt bei 18,6 Prozent. - Wie unzuverlässig die "Demografie" ist, zeigen die Prognosen des Statistischen Bundesamts. Zwischen der 15. und der 16. Prognose hat sich die Zukunft sehr verdüstert. Für das Jahr 2060 sah die moderate Variante der 15. Prognose etwa 79,5 Millionen Menschen in Deutschland voraus, bei der 16. Prognose nur noch 73 Millionen. Innerhalb von drei Jahren sind über sechs Millionen Menschen "statistisch verdampft", weil sich die Annahmen geändert haben.
- Für das Jahr 2070 zählt das Amt in seiner 16. Prognose 27 verschiedene Varianten zur Bevölkerungsentwicklung auf. Hierzulande werden dann zwischen 65 und 85 Millionen Menschen leben - oder auch nicht, wenn sich die Annahmen demnächst wieder ändern.
- In den nächsten Jahren werden viele Babyboomer den Arbeitsmarkt verlassen. Doch so dramatisch, wie viele behaupten, ist die Lage nicht.
Denn es scheiden nicht nur Menschen aus, sondern es wachsen welche nach, und es wandern welche zu. - Unter dem Strich schätzen diverse Studien, dass dem Arbeitsmarkt bis 2040 pro Jahr bis zu 300.000 Menschen fehlen könnten. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Augsburg. Allerdings: Wir haben in dieser Zeit etwa 46 bis 48 Millionen Erwerbsfähige, so dass es um weniger als ein Prozent geht. Ein Betrieb mit 100 Leuten muss pro Jahr aus demografischen Gründen einen Arbeitnehmer ersetzen. Mehr nicht.
(Quellen: Deutsche Rentenversicherung, OECD, IMK, Makroskop )
Noch ein Bonus-Track zum Renten-ABC der unerwähnten Fakten. Es geht um die Lage der Wirtschaft.
🤚 Deutschland ist nicht so schlecht, wie es sich zurzeit macht. Die Arbeitslosigkeit liegt trotz schwachem Wachstum unter dem EU-Durchschnitt und laut Economist sogar unter der der USA, die derzeit 2 Prozent Wachstum verzeichnen.
🤚 Der Exportüberschuss liegt trotz Trumps Zollpolitik und der Konjunkturflaute in China bei 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und damit über dem von Japan, China und dem EU-Durchschnitt.
🤚 Die Gewinne der Unternehmen lagen laut Bundesbank zuletzt bei über fünf Prozent vor Steuern. Das ist nicht schlechter als vor 15 Jahren, und übertrifft sogar den jährlichen Durchschnitt dieses Zeitraumes.
🤚 Dass es den Firmen vielleicht besser geht, als viele Lobbyisten behaupten, zeigt sich auch daran, dass die Hälfte der Dax-Unternehmen über 50 Milliarden Euro für Aktien-Rückkaufprogramme ausgeben und eine Rekordzahlung von über 55 Milliarden Euro für Dividenden planen.
🤚 Seit 2010 ist der gesamte Beitrag zu den Sozialversicherungen um fast drei Prozentpunkte gestiegen, von 39,55 Prozent auf über 42 Prozent. Die Folgen:
- 👉 11 Prozent mehr Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, real,
- 👉 16 Prozent mehr verfügbares Haushaltseinkommen, real,
- 👉 7 Millionen mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.
Merke: "Die Praxis beweist mehr als die Theorie." (Abraham Lincoln)
👉 Ach ja, im vergangenen Jahr haben sich die Investitionen von ausländischen Firmen hierzulande auf 96 Milliarden Euro verdoppelt, unter anderem weil unser Land als rechtssicher und verlässlich angesehen wird.
Quellen: Deutsche Rentenversicherung, Deutsche Bundesbank, Economist, Handelsblatt, Institut der Deutschen Wirtschaft)
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