An einem Dienstag Mitte Januar hielt Katherina Reiche eine Art Predigt. Im dunklen Kostüm stand die Bundeswirtschaftsministerin vor der Kanzel in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin, in dunklen Tönen begann auch ihre Rede vor den etwa 300 Managern, Lobbyistinnen und Unternehmern im Saal.
»Uns allen«, sagte die CDU-Politikerin beim Neujahrsempfang des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, wünsche sie »ein wenig Gottvertrauen«. Das könne man »sehr dringend« gebrauchen in einer Welt, der die regelbasierte Ordnung abhandenkomme. Wohlstand und Sicherheit hingen davon ab, »wie gut und wie schnell wir uns an diese neuen Gegebenheiten anpassen«, sagte Reiche. »Wer zögert, verliert.«
Allein: Das Tempo, das Reiche da verlangt, wünschen sich viele Wirtschaftsvertreter vor allem von ihr selbst.
Das Wachstum dürfte in diesem Jahr allenfalls bescheiden ausfallen. Das Land kommt nur langsam aus der Krise. Doch die Ressortchefin, die von Amts wegen für die Wirtschaft zuständig ist, fällt vornehmlich mit markigen Ankündigungen auf.
Mit ihrer Selbstinszenierung als »ordnungspolitisches Gewissen« der Regierung etwa. Oder mit ihrem Ruf nach längeren Lebensarbeitszeiten. Zentrale Gesetzesvorhaben dagegen, die für die Unternehmen entscheidend sind, lassen oft auf sich warten.
Woran das liegen könnte, darüber gibt es zwei Erzählungen. Und wahrscheinlich ist an beiden etwas dran.
Die eine handelt von der komplexen Materie, mit der sich das Wirtschaftsministerium befassen muss. Von der Schwierigkeit, sich in der Koalition abzustimmen oder mit der Europäischen Union in Brüssel.
Die andere handelt davon, dass die Ministerin überfordert sein könnte. Weil sie laut Ministeriumsmitarbeitern dazu neigt, sich im Mikromanagement ihres Ressorts zu verheddern. Weil sie nicht sonderlich geschickt verhandle. Und weil sie derzeit viel anderes um die Ohren habe. Zum Beispiel, vor dem Parlament klarzustellen, wie es zu ihrer erklärungsbedürftigen Teilnahme bei einem diskreten Treffen milliardenschwerer Investoren und internationaler Politiker im österreichischen Wintersportort Seefeld im Oktober 2025 gekommen war – mitorganisiert von ihrem Lebensgefährten und Amtsvorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg.
Die Hoffnungen der Wirtschaft waren groß, als Reiche nach dem Regierungswechsel im Mai 2025 das Ministerium übernahm. Dass die Ex-Vorstandschefin des Unternehmens Westenergie, einer Tochter von E.on, ins Kabinett rückte, galt als Coup von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Doch gerade beim gesetzlichen Rahmen für die Energiebranche, die die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industrien prägt, rumpelt es gewaltig. Zum Beispiel bei der Energiewende.
In sogenannten Dunkelflauten, wenn die Sonne nicht scheint und kaum Wind weht, können Ökostromanlagen den Bedarf der Republik nicht decken. Dann braucht es ein Back-up aus Gaskraftwerken, Batteriespeichern oder anderen steuerbaren Lasten. Wie groß es ausfallen sollte, darüber verhandelte schon Reiches Amtsvorgänger Robert Habeck (Grüne) mit der EU-Kommission. Reiche wollte einiges anders machen. Vor allem: mehr Gaskraftwerke bauen lassen als Habeck.
Vergangene Woche haben sich Reiches Leute mit Brüssel auf eine Kraftwerksstrategie geeinigt. Doch die Ministerin kann den Kompromiss kaum als großen Erfolg verkaufen. Die Kommission genehmigte Deutschland ein Back-up von 12 Gigawatt bis 2031, offen für alle Technologien. Reiche hatte mindestens 20 Gigawatt angestrebt und wollte vor allem Gaskraftwerke bauen lassen.
Am Ende bekam sie ziemlich genau das, worauf sich Habeck schon Anfang Juli 2024 mit Brüssel verständigt hatte – nur dass Reiche im Glauben, die Kommission auf ihre Linie zwingen zu können, viele Monate verloren hat. Die Kraftwerksstrategie sei einst als »Schnellboot« geplant gewesen, klagt Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft. »Aus dem Schnellboot ist ein Schleppkahn geworden.«
Andere Projekte kommen ebenfalls nur schleppend voran – etwa die Novelle des Gebäudeenergiegesetzes, besser bekannt als »Heizungsgesetz«. Jede neu eingebaute Heizung soll künftig mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden, so steht es derzeit im Gesetz. Reiche und die CDU wollen diese Vorgabe ändern, Bundesumweltminister Carsten Schneider und Bauministerin Verena Hubertz (beide SPD) an ihr festhalten.
Reiches Ressort hat bei dem Vorhaben die Federführung. Doch sie bekommt die Verhandlungen nicht in den Griff. Eigentlich sollte das Gesetz bis spätestens Ende 2025 stehen, nun soll es im Februar verabschiedet werden. Selbst dieser Termin scheint nicht sicher. Von einem Durchbruch, heißt es in Regierungskreisen, sei man weit entfernt.
Auch der Industriestrompreis – günstige fünf Cent pro Kilowattstunde für besonders energieintensive Unternehmen – verzögert sich. Reiche hatte versprochen, dass er zum 1. Januar kommt, doch bis heute steht er nicht im Gesetz. Der Bundesvorstand der CDU versprach in einer am Montag veröffentlichten Erklärung immerhin, dass Firmen die angekündigten Entlastungen rückwirkend erhalten sollen.
Bei der geplanten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), mit der Reiche die Kosten von Netzen und Ökostromanlagen drücken will, ist noch nicht einmal bekannt, wann ein erster Gesetzentwurf kommt. Im September 2025 hatte Reiche einen Zehnpunkteplan vorgestellt. Anschließend habe die Fachebene ihres Ministeriums über Monate auf nötige Vorgaben der Hausleitung gewartet, heißt es in Regierungskreisen.
Es ist nicht allein Reiches Schuld, dass es im Energiesektor hakt. Gesetzgebungsverfahren für die Branche gelten als schwer zu steuern. Sie erfordern zähe Verhandlungen mit Brüssel und werden von einigen der mächtigsten Lobbygruppen des Landes beäugt. Dass Reiche sich bei ihren Vorhaben aber besonders schwertut, liegt möglicherweise auch an ihr selbst.
Bei der Kraftwerksstrategie etwa warf sie erst das Ergebnis der zähen Verhandlungen zwischen der EU-Kommission und Habecks Leuten über Bord und verlangte deutlich mehr Gaskraftwerke. Mitte November dann hieß es in einem Papier der Koalition, man strebe »in den nächsten Tagen« eine Einigung mit Brüssel an – obwohl EU-Kommissarin Teresa Ribera zu dieser Zeit noch grundsätzliche Fragen an Reiche hatte.
Dass Reiche mit dieser konfrontativen Art Probleme bekommen würde, konnte jeder ahnen, der sich mit der EU-Kommission auskennt. Solche Fachleute gibt es freilich auch in Reiches Haus – »nur müsste man sie hin und wieder auch mal fragen«, sagt ein Mitarbeiter. Das aber tue die Ministerin selten. Für die EEG-Novelle etwa habe sich Reiche kurzerhand selbst Input von den Chefs großer Energiekonzerne geholt, während ihre ahnungslose Fachabteilung teils parallel mit der Arbeitsebene derselben Konzerne gesprochen habe.
Das Ministerium äußerte sich nicht zu dem Vorgang. »Grundsätzlich stehen die Ministerin und das Haus in regelmäßigem Austausch mit einer Vielzahl von Akteuren aus Wirtschaft, Verbänden und Wissenschaft«, schreibt ein Sprecher.
Reiche setzt offenbar vor allem auf einen engen Zirkel aus Vertrauten. Zu diesem gehören unter anderem ihr persönlicher Referent Niklas Nieter und ihr Staatssekretär Frank Wetzel. »Reiche glaubt, mit acht bis zehn Leuten die ganze Wirtschaftspolitik Deutschlands machen zu können«, sagt ein Ex-Mitarbeiter.
Wetzel beispielsweise ist für Wärme, Energie und Strom, für die Industrie, die Wirtschaftsstabilisierung und die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft sowie für die nationale Wirtschaftssicherheit, für Wasserstoff und für Gas verantwortlich – und nebenbei auch noch für Personal, Haushalt und Verwaltung des Ministeriums. Eine »mission impossible« für einen einzigen Mann, sagt der ehemalige Ministeriale.
Reiche selbst kümmert sich offenbar um kleinste Details. Anfang Januar soll Beate Baron, Abteilungsleiterin für Industriepolitik, ihren Leuten erklärt haben, wie die Mappen für die Ministerin richtig zu packen seien und wie Reiche auf Themen vorbereitet werden müsse. Ähnliche Schulungen sollen auch in anderen Abteilungen stattgefunden haben oder geplant sein.
Im Wirtschaftsministerium kursiert ein Dokument, das minutiös vorschreibt, wie Reiches Reden vorzubereiten seien: Von deren Einordnung (»Was erwarten die Zuhörenden?«) bis zu kleinsten technischen Details – etwa dass die Begrüßung des Publikums »ohne Aufzählungszeichen, linksbündig« und der Redetext in »ausführlicher Punktation« aufzuschreiben sei. Klammern seien nur zu benutzen, wenn sie »unverzichtbar« seien. Und alles bitte auf A4-Hochformat, Schriftsatz Arial 16 Punkt, Zeilenabstand 1,5, keine Silbentrennung.
Das Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt, ging unter anderem an das Referat LB4, verantwortlich für »Reden und strategische Kommunikation«. Dort arbeiten laut mehreren Insidern aber gar keine Redenschreiber mehr. Die ehemalige Referatsleiterin, eingesetzt von Habeck, ging direkt nach dem Regierungswechsel. Zwei Redenschreiber, die unter ihr gedient hätten, verließen später die Abteilung.
Ob und wann die offenen Stellen neu besetzt werden, will das Wirtschaftsministerium auf Anfrage nicht verraten. Man erteile »zu internen Verwaltungsabläufen und Personalangelegenheiten grundsätzlich keine Auskunft«.
Lobbyisten machen mit der neuen Ressortchefin ebenfalls erstaunliche Erfahrungen. So durfte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft der CDU-Politikerin bei einer Vorstands- und Präsidiumssitzung im Oktober nur vorab eingereichte Fragen stellen. Das Ministerium äußerte sich auch dazu nicht.
Probleme mit kritischen Fragen offenbart Reiche auch, wenn es um mutmaßliche Interessenkonflikte geht, die sich aus ihrer Beziehung zu Karl-Theodor zu Guttenberg ergeben haben. Mitte Januar wurde sie im Wirtschafts- und Energieausschuss des Bundestags zu ihrer Teilnahme am Event in Seefeld befragt. Sie habe nicht als Ministerin, sondern privat an dem VIP-Gipfel teilgenommen, behauptete Reiche erneut.
Als sie auf die vom SPIEGEL enthüllte Broschüre des Treffens angesprochen wurde, in der sie als »Ihre Exzellenz«, die deutsche Bundesministerin für Wirtschaft und Energie auftauchte, sagte Reiche, solche Broschüren seien bei »informellen privaten Veranstaltungen« völlig normal. »Wo Sie unterwegs sind, weiß ich nicht«, ätzte die Ministerin laut einem Protokoll der Sitzung. »Da, wo ich unterwegs bin, ist das üblich.«
Der Frust steigt
Im eigenen Haus gibt es nicht viele, die Reiche widersprechen könnten. Gleich nach ihrem Amtsantritt servierte sie viele Führungskräfte ab – darunter selbst Beamte, die dem Haus schon unter CDU- und SPD-Ministern gedient hatten. Reiche habe im Haus eine Atmosphäre geschaffen, in der sich fast niemand mehr traue, selbst zu entscheiden, sagen Mitarbeitende. Auch das verlangsame Prozesse.
In Teilen der Wirtschaft steigt der Frust, etwa bei den Heizungsbauern. Reiche hatte zugesagt, das Jahrestreffen der Branche im Oktober 2025 zu besuchen. Dann ließ sie sich von ihrem Parlamentarischen Staatssekretär Stefan Rouenhoff vertreten. Als dieser erklärte, dass Reiche »wirklich gern gekommen wäre«, gab es Gelächter und Buhrufe im Saal.
Dabei geht es um mehr als die Stimmung zwischen Regierung und ein paar Branchenvertretern. Wenn Unternehmen unsicher sind, was die Bundesregierung bei wesentlichen Gesetzen plant, hemmt das Investitionen. »Von einem Aufbruch ist inzwischen immer weniger zu spüren. »Es braucht echte Reformen und unbequeme Entscheidungen«, sagt Johannes Gernandt, Chefvolkswirt des Maschinenbauverbands VDMA. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert: »Die Bundesregierung muss jetzt liefern.« Wenn die Koalition ihre Mehrheit im Bundestag nicht nutze, sei das »hart an der Grenze zur Verantwortungslosigkeit«.
Auch Schleswig-Holsteins Energie- und Umweltminister Tobias Goldschmidt kritisiert Reiches Regierungsarbeit. »Zuletzt hat kein Unternehmen mehr auf Flächen für neue Windkraftanlagen auf See geboten«, moniert der Grünenpolitiker. Das liege hauptsächlich daran, dass »die Unsicherheiten zu groß sind«. So sei unklar, mit welchen Finanzierungsbedingungen die Firmen rechnen könnten oder wie die Flächenverteilung künftig aussehen werde. Angesichts der Bedeutung der Offshore-Energie müsste Reiche eigentlich »schnellstens einen Krisengipfel aller Beteiligten einberufen, um den weiteren Ausbau sicherzustellen«, findet Goldschmidt. »Stattdessen geschieht nichts.«
Die Ministerin hat offenbar anderes zu tun. Im Februar will Reiche zur Münchner Sicherheitskonferenz reisen. Ihre Außenwirtschaftsabteilung erhielt kürzlich die Ansage, nicht zu viele Termine zu planen, berichten Insider. Reiche wolle sich lieber selbst darum kümmern.
Ein Sprecher wollte das nicht kommentieren. »Termine der Ministerin kündigen wir an, wenn sie anstehen«, sagte er.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen