Danke schön! Genau diesen Text habe ich gebraucht.Jörg KremerRechtsextreme wollen meinen Hass. Und ich verstehe sogar, warum
Hass ist ansteckend.
Wer lange genug mit ihm beworfen wird, beginnt irgendwann zurückzuwerfen. Dann hassen die einen die Fremden, die anderen die Rechten, und irgendwann stehen alle mit brennenden Fackeln da und halten sich selbst für die Guten.
Da mache ich nicht mit.
Ich werde widersprechen. Laut sein. Mich einmischen. Grenzen ziehen. Aber ich werde mir von Rechtsextremen nicht vorschreiben lassen, was ich fühlen soll.
Denn was wäre, wenn unser Hass genau das ist, was sie von uns brauchen?
Im Artikel habe ich den Gedanken ausgebreitet und zu Ende gedacht.
hier Jörg Kremer 28. September 2026
Meinen Hass bekommt Ihr nicht.
Ich könnte Euch hassen. Euch Rechtsextreme, die Ihr seit Jahren versucht, den Hass in diesem Land wieder gesellschaftsfähig zu machen.
Die Ihr Menschen gegeneinander aufbringt, aus Nachbarn Fremde und aus politischen Gegnern Feinde macht.
Die Ihr Angst schürt, weil Angst ein guter Brandbeschleuniger für Hass ist.
Immer neue Schuldige, immer neue Bedrohungen, immer neue Gruppen, auf die man zeigen kann. Ihr liefert jeden Tag Gründe, Euch mit genau dem Gefühl zu begegnen, das Ihr selbst so gross gemacht habt.
Aber meinen Hass bekommt Ihr nicht.
Diesen Satz habe ich nicht erfunden. Antoine Leiris schrieb ihn nach dem 13. November 2015. Seine Frau Hélène war im Bataclan ermordet worden. Ein Mann, dem das Schlimmste angetan worden war, verweigerte den Mördern ausgerechnet das, womit sie gerechnet hatten: seinen Hass.
Mich beschäftigt dieser Gedanke,
weil darin eine ungeheure Freiheit liegt.
Denn Hass ist kein Geschenk,das man seinem Gegner macht
und danach erleichtert nach Hause geht.
Hass bleibt bei dem, der ihn empfindet.
Er zieht bei ihm ein. Er richtet sich ein. Er verändert seinen Blick, seine Sprache, seine Gedanken. Irgendwann steht derjenige, den man hasst, morgens mit einem im Badezimmer und geht abends mit ins Bett.
Hass ist Besetzung.
Und genau deshalb verweigere ich ihn.
Seit Jahren erleben wir in Deutschland den Versuch, Hass zu einer politischen Ressource zu machen. Rechtsextreme wollen Menschen nicht nur von ihren politischen Vorstellungen überzeugen. Sie brauchen die emotionale Eskalation. Menschen sollen sich fürchten, verachten, ekeln, abwenden. Aus politischen Gegnern werden Feinde, aus Menschen Gruppen, aus Gruppen Bedrohungen. Flüchtlinge, Muslime, Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, queere Menschen, Aktivisten, Künstler. Immer muss jemand herhalten, damit die Wut eine Adresse bekommt.
Hass liebt einfache Verhältnisse. Er braucht keine Zusammenhänge, keine Zwischentöne, keine Geduld. Er ist die Motorsäge unter den politischen Werkzeugen. Laut, grob und schnell.
Wo vorher eine Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen stand, liegen hinterher handliche Stücke herum: wir und die. Volk und Verräter. Freund und Feind. Richtig und falsch.
Eine Gesellschaft wird auf diese Weise nicht erklärt. Sie wird zerlegt.
Das Gefährliche daran ist,
dass der Hass nicht an der politischen Grenze stehen bleibt.
Er springt über.
Er will auch diejenigen infizieren, die ihn bekämpfen.
Das ist seine perfideste Eigenschaft. Irgendwann verachtet man die Verächter. Man beschimpft die Beschimpfer. Man beginnt, Menschen abzuschreiben, weil sie Menschen abschreiben.
Genau dort verweigere ich mich.
Ich will meinen politischen Gegnern nicht die Macht geben, meinen Charakter zu bestimmen. Ich will nicht morgens aufstehen und Gefühle in mir vorfinden, die andere dort abgelegt haben.
Wer bestimmt, wen ich hasse, besitzt bereits einen Teil meiner Freiheit. Diesen Teil bekommt Ihr nicht.
Das bedeutet keine Milde gegenüber Rechtsextremismus. Im Gegenteil. Ich will ihm entschieden entgegentreten. Ich will widersprechen, aufklären, streiten, demonstrieren, wählen, schreiben und dort Grenzen ziehen, wo Menschenwürde, Freiheit und Demokratie angegriffen werden.
Eine Demokratie, die sich selbst ernst nimmt, darf wehrhaft sein.
Aber Wehrhaftigkeit braucht keinen Hass.
Das ist der Unterschied, auf den es mir ankommt.
Ich muss einen Menschen nicht hassen,
um ihm mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten.
Ich muss seine Gedanken nicht respektieren,
wenn sie andere Menschen entrechten sollen.
Ich muss seine Sprache nicht dulden,
wenn sie Menschen erniedrigt.
Ich kann sagen: Bis hierhin und keinen Millimeter weiter.
Und ich kann diesen Satz sagen,
ohne mein Innerstes vorher mit demselben Gift zu füllen,
gegen das ich mich stelle.
Denn Hass beschädigt nicht nur sein Ziel.
Er beschädigt seinen Träger.
Deshalb möchte ich meine Aufmerksamkeit denen geben, die Unternehmen gründen, alte Menschen besuchen, Kunst machen, Brötchen backen, Häuser bauen, forschen, reparieren, trösten, lieben. Menschen, die einem Fremden den Weg erklären. Die einen Tisch decken und noch einen Stuhl dazustellen. Die nicht jeden Tag darüber sprechen, Deutschland zu retten, weil sie viel zu beschäftigt damit sind, es am Laufen zu halten.
Auch das ist Deutschland. Für mich ist es das Deutschland, um das es sich zu kämpfen lohnt.
Denn wer Hass sät, will mehr als Zustimmung. Er will die Atmosphäre verändern, in der wir miteinander leben. Er will, dass Misstrauen selbstverständlich wird und Freundlichkeit verdächtig. Dass wir hinter jedem Unterschied eine Bedrohung vermuten und hinter jedem Fremden einen Feind. Er will seine Dunkelheit zu unserer machen.
Genau das verweigere ich.
Ihr könnt versuchen, dieses Land mit Hass zu fluten. Ihr könnt ihn in Parlamente tragen, in Kommentarspalten, auf Marktplätze und in unsere Gespräche. Ihr könnt jeden Tag ein neues Feuer anzünden und darauf hoffen, dass wir irgendwann anfangen, unsere eigenen Scheite daraufzuwerfen.
Ich werde es nicht tun.
Denn am Ende ist das meine Freiheit:
Ich entscheide, was in mir wohnen darf.
Ich entscheide,
welchen Menschen ich meine Aufmerksamkeit schenke,
welche Gedanken ich gross mache und
welches Gefühl mein Handeln bestimmt.
Ich entscheide sogar, was in mir brennt.
Es wird nicht Euer Hass sein.
Meinen bekommt Ihr nicht.
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