Martin Jendrischik / LinkedIn
Heute beschließt das Kabinett das Strom-Versorgungssicherheitsgesetz
Und genau heute veröffentlichen Ember und die Initiative Klimaneutrales Deutschland Zahlen, die zeigen, wie absurd die Bevorzugung von Gas gegenüber Speichern in diesem Gesetz ist.
Die Kernzahl: Wäre die deutsche Batteriespeicher-Pipeline von 10,5 Gigawatt bereits 2025 in Betrieb gewesen, hätte sie rund 800 Millionen Euro eingespart. 613 Millionen an Redispatch-Kosten, 219 Millionen an vermiedenen Gaskäufen. Die nötigen Investitionen dafür: 145 Millionen Euro pro Jahr. Das ist ein Kosten-Nutzen-Verhältnis von mehr als fünf zu eins.
Deutschland ist bei Batteriespeichern Europas Spitzenreiter. 25 Prozent der gesamten netzgekoppelten Batteriekapazität in der EU stehen hier.
- Über 2,5 Gigawatt waren Ende 2025 in Betrieb, doppelt so viel wie zwei Jahre zuvor.
- Über 10 Gigawatt stehen in der Pipeline,
- 1,5 Gigawatt sind bereits im Bau.
- Zwei Millionen Heimspeicher installiert.
- 30 Prozent der Hauseigentümer planen in den nächsten fünf Jahren einen Speicherkauf.
- 9 von 10 Bürgermeistern wollen Speicher in ihrer Kommune.
Und was macht die Bundesregierung? Sie schreibt ein Gesetz, das Batteriespeicher in den Kapazitätsausschreibungen systematisch benachteiligt und Gaskraftwerke bevorzugt.
Das Bundeskartellamt hat das in einer Stellungnahme kritisiert: Das StromVKG bevorzuge etablierte Anbieter und schließe Batterieprojekte faktisch von der Förderung aus.
800 Millionen Euro jährliche Einsparung durch Speicher. Gegen 145 Millionen Investition.
Und die Regierung entscheidet sich für Gaskraftwerke, die Milliarden an Importkosten verursachen und uns geopolitisch erpressbar machen. Mitten in einer Gaskrise.
Der Markt ist bereit. Der Ordnungsrahmen nicht.
Quellen: Ember / Initiative Klimaneutrales Deutschland / Bundeskartellamt
Philippe Staudinger / LinkedIn
Gaskraftwerke: Warum eigentlich nicht?
Denn es sprechen viele Argumente für moderne Gaskraftwerke:
- sie sind technisch erprobt,
- vergleichsweise schnell realisierbar,
- gut regelbar im Vergleich zu klassischen Kohlekraftwerken
- und können Dunkelflauten sowie kritische Netzsituationen absichern.
Kurzfristig und mittelfristig werden sie daher weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Oder?
Aber genau dort beginnt der Denkfehler.
Denn wir erleben aktuell keinen einfachen Austausch von Kraftwerken — sondern einen grundsätzlichen Wandel des gesamten Energiesystems.
Das alte Stromsystem basiert auf Grundlast mit gelegentlicher Spitzenlast.
Große zentrale thermische Kraftwerke wie Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerke erzeugen möglichst konstant Strom. Wirtschaftlich funktioniert dieses System vor allem dann, wenn Kraftwerke möglichst viele Stunden im Jahr konstant laufen.
Doch erneuerbare Energien verändern diese Logik fundamental.
Wind und PV erzeugen Strom wetter- und zeitabhängig — dafür extrem günstig.
Dadurch verschiebt sich das gesamte System:
weg von dauerhafter Grundlast — hin zu Flexibilität, Reaktionsfähigkeit und Anpassung.
Genau deshalb sind Speicher so relevant.
Batteriespeicher zeigen diese Entwicklung besonders deutlich:
- Flexibilität im Sekundenbereich,
- kurzfristige Versorgungssicherheit,
- Netzstabilisierung,
- Regelenergie,
- Erzeugungs- und Lastverschiebung,
Doch sie sind nicht die einzige Speichertechnologie.
Thermische Speicher, Wasserstoff und andere Langzeitspeicher erweitern diese Flexibilität zusätzlich — jeweils für unterschiedliche Zeithorizonte und Systemaufgaben.
Gerade in Kombination mit PV und Wind verändert dies das Energiesystem grundlegend.
Die Folge ist eindeutig: Speicher reduzieren die Einsatzstunden fossiler Kraftwerke immer weiter, bis Gas nur noch für seltene Extremereignisse benötigt wird.
Hier entsteht das Problem:
Gaskraftwerke werden immer seltener benötigt — müssen aber weiterhin finanziert werden.
Einen Bedarf an Grundlast gibt es in einem flexiblen und erneuerbaren Energiesystem nicht mehr.
Trotzdem orientieren sich viele aktuelle Marktmechanismen weiterhin an der Logik dauerhaft laufender Kraftwerke.
Und genau deshalb halte ich den aktuellen StromVKG-Entwurf für kritisch.
Denn obwohl Batteriespeicher formal nicht ausgeschlossen sind, orientieren sich die Kriterien der ersten Ausschreibungen weiterhin an überholten Logiken.
Faktisch werden thermische Kraftwerke bevorzugt und Batteriespeicher benachteiligt.
Solche Gaskraftwerke müssen deshalb bereits heute als strategische Reserve betrachtet und vergütet werden — nicht mehr als neue Form fossiler Grundlast.
Denn am Ende werden diese Kraftwerke über Strompreise, Netzentgelte oder Umlagen finanziert.
Die Kosten eines überholten Systemdesigns zahlt also nicht der Markt — sondern der Stromkunde.
Denn die Regeln eines Kapazitätsmarktes entscheiden am Ende darüber, welche Technologien das zukünftige Stromsystem prägen werden.
Der Referentenentwurf selbst zeigt das Problem bereits deutlich:
Langzeitkapazitäten müssen „mindestens zehn Stunden“ konstant Strom liefern können.
Zusätzlich müssen sie nach kurzer Zeit erneut verfügbar sein.
Vergütet wird die Bereitstellung gesicherter Leistung über einen Kapazitätsmechanismus.
Formal sind Speicher zwar zugelassen. Praktisch erfüllen diese Kriterien heute vor allem thermische Kraftwerke.
Genau dadurch bleibt die Marktlogik weiterhin auf dauerhafte thermische Leistung ausgerichtet — obwohl sich das Energiesystem längst in Richtung Flexibilität und Speicher verschiebt.
https://table.media/assets/climate/referentenentwurf-netzanschlusspaket.pdf
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