Mittwoch, 4. Oktober 2023

Wachstumskritisches Denken: Degrowth für Dummies

 TAZ hier

Die Degrowth-Bewegung befasst sich damit, wie eine Welt ohne globales Wirtschaftswachstum aussehen kann. Wir erklären nochmal ganz von Anfang an.

links: Schrumpfen für das Klima – das forderten auch schon Aktivisti auf einer Fridays-for-Future-Demo
Foto: Frieder Blickle/laif

„Eine schrumpfende Wirtschaft als Zielvorgabe auszugeben, halte ich für falsch“, dann würden Investitionen für den Klimaschutz ausbleiben.
Das sagte Robert Habeck im September auf einer Energiewende-Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung. Der Minister für Wirtschaft und Klima hält von Degrowth und Suffizienz, also einem Herunterfahren des Bedarfs an Ressourcen und Energie, nicht so viel.

In der anschließenden Diskussion widerspricht Energie-Ökonomin Claudia Kemfert deutlich. Natürlich müssten wir in den umweltschädlichen Bereichen auch schrumpfen, sagt sie. Der Applaus ist laut.

Immer mehr Menschen erkennen, dass Wirtschaftswachstum und Klimaschutz nicht so richtig zusammenpassen. Auch laut IPCC-Bericht zeigen Studien, dass „nur ein Postwachstums-Ansatz eine Klimastabilisierung unter 2 Grad ermöglicht“. Auch wenn es unbequem wird und Zerwürfnisse vorprogrammiert sind – wenn wir die planetaren Grenzen respektieren und die Klimakrise in den Griff kriegen wollen, müssen wir über Degrowth reden.

Was meint eigentlich Degrowth?

Bei Degrowth geht es um Wirtschaftswachstum und dessen Folgen. Das Ziel ist es, den Verbrauch von Energie und Ressourcen ganzheitlich zu reduzieren und eine Wirtschaft zu betreiben, die sicher und gerecht innerhalb der planetaren Grenzen funktioniert.

Wer hat sich das ausgedacht?

Den Startschuss für die Debatte gab wohl der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ der Denkfabrik Club of Rome von 1972. Dessen zen­trale Aussage: Auf einem endlichen Planeten kann es kein unendliches Wachstum geben. Das klingt 50 Jahre später, im Angesicht der Klimakrise, noch einleuchtender als damals. Dennoch haben sich so gut wie alle Staaten noch immer dem Ziel des unendlichen Wachstums verschrieben.

Wachstum ist doch super, was ist das Problem damit?

Wenn die Wirtschaft wächst, profitieren alle davon – so die gängige Erzählung. Ein kurzer Faktencheck belehrt uns aber eines Besseren: Seit dem Pandemiebeginn 2020 gingen laut dem NGO-Verbund Oxfam zwei Drittel des globalen Vermögenszuwachses an das reichste Prozent der Menschen. In Deutschland waren es sogar 80 Prozent. Nochmal zum auf-der-Zunge-zergehen-lassen: 99 Prozent der Menschen haben nur krümelige 20 Prozent des Vermögenszuwachses abbekommen. Vom Wirtschaftswachstum profitieren nicht alle.

Aber Schrumpfen ist doch auch nicht besser, oder?

Tatsächlich ist fast nichts dafür gemacht, unendlich zu wachsen. Vielleicht ein paar ideelle Werte wie Glück, Frieden und Gerechtigkeit. Das allermeiste aber, das in der Natur wächst, ist irgendwann erwachsen. Babys, Bäume, Bienen – alle erreichen irgendwann eine optimale Größe, damit sie das tun können, wofür sie auf der Welt sind. Nur die Wirtschaft scheint dazu verdammt, ewig weiterzuwachsen. Das System ist auf immer mehr Gewinn ausgerichtet, das bedeutet mehr Investitionen und dadurch entsteht Wachstum.

Und genau da wird es problematisch, denn so wie die Weltwirtschaft derzeit aufgebaut ist, muss sie exponentiell wachsen – so um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Bei drei Prozent Wachstum würde sie sich alle 23 Jahre verdoppeln. In 100 Jahren wäre sie schon zwanzig Mal größer als heute. Das ist ziemlich dramatisch, denn wachsende Wirtschaft zieht einen wachsenden Bedarf an Energie und Ressourcen mit sich.

Aber kann es nicht auch grünes Wachstum geben?

Stellen wir uns vor, wir hätten die Energiewende geschafft: Überall blitzen Solarmodule auf den Dächern, am Horizont drehen sich die Rotoren in riesigen Windradwäldern. Der ganze Strom: erneuerbar. Und die ganze Wirtschaft: weiter in Betrieb.

Schweine und Rinder werden auf solarbetriebenen Farmen gehalten, mit einem E-Lkw zum Schlachter gefahren und als Steak mit 100 Prozent Ökostrom Medium-rare gebraten. Aber die Monokulturen für den Futteranbau, die mit Dünger verseuchten Böden, die Plastikverpackung, alles noch da.

Unser Materialbedarf explodiert – und zwar auch, wenn wir klimaneutral werden. Es müssten schließlich weiterhin klimafreundliche Zahnbürsten, Kameras und Akkuschrauber hergestellt werden. Und das, obwohl die Gewinnung der dafür benötigten Rohstoffe immer aufwendiger und teurer wird – die günstigen, einfach zugänglichen wurden schon abgebaggert.

Bei dem Begriff der Energiewende, die für grünes Wachstum zwingend notwendig wäre, schwingt mit, dass es irgendwann geschafft sei. Noch ein letztes Windrad im Dezember 2045 und das war’s. Bei aktuellen Wachstumszielen müsste sich jedoch weltweit die Leistung aller Windräder, Solarpaneele und Wasserkraftwerke etwa alle 30 bis 40 Jahre verdoppeln, rechnet der Anthropologe Jason Hickel in seinem Buch „Less is More“ vor. Und zwar für immer. Sein ernüchterndes Resümee: „Green Growth is not a thing.“

Also soll die Wirtschaft einfach aufhören, zu wachsen?

Wir sind bei der großen Preisfrage angelangt. Eins funktioniert nämlich ziemlich sicher nicht: Einfach die Wirtschaft runterfahren, da hat Robert Habeck recht. Momentan ist ein sinkendes Bruttoinlandsprodukt ein Fehler im System und kann zu weniger Investitionen und erhöhter Arbeitslosigkeit führen. Das will Degrowth aber auch gar nicht.

Was denn dann?

In der Degrowth-Utopie würde sich die Schere zwischen armen und reichen Menschen innerhalb eines Landes und auch zwischen Staaten schließen. Die Macht von Wirtschaft und Mil­li­ar­dä­r*in­nen würde deutlich abnehmen. Dafür bräuchte es neue Gesetze. Nein, das bedeutet nicht Kommunismus. Eine Reparatur-Garantie oder eine konsequente Besteuerung von multinationalen Konzernen wäre keine Planwirtschaft, sondern läge in der demokratischen Verantwortung regierender Parteien. Durch gezielte staatliche Regulation ließe sich die Wirtschaft positiv beeinflussen.

Die Produktion würde sich am wahren Bedarf der Menschen orientieren und nicht an künstlich geschaffenen Marketingversprechen. Einige Industriezweige würden in Rente gehen: fossile Geschäftsmodelle – klar. Privatjet-Manufakturen und SUV-Fabriken auch.

Angestellte würden sukzessiv an den Unternehmen, in denen sie arbeiten, beteiligt. Und ein Maximallohn, gekoppelt an den Mindestlohn, wäre wohl genauso Konsens wie ein nach oben hin limitiertes Erbe. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte erweitert werden zur bedingungslosen Grundversorgung, inklusive Energie, Internet und Lebensmitteln. Die Ausgestaltung der Maßnahmen läge weiterhin bei den demokratisch gewählten Vertreter*innen.

Wie sollen wir da jemals hinkommen?

Das erreichen wir sowohl mit neuen Gesetzen und Rechten als auch, indem wir die Einstellung in unseren Köpfen ändern. Es geht darum, die Natur und den Planeten als Verbündete, als Verwandte zu begreifen, statt ausschließlich als Ressource und Investmentchance.

Wichtig ist dafür auch, wie wir Fortschritt in Zukunft bemessen wollen. Statt einem wachsenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) hinterherzujagen, in dem Umweltkatastrophen positiv verbucht werden (der Wiederaufbau des Ahrtals hat das BIP steigen lassen, denn die Schäden fließen nicht ins BIP ein, dafür aber die Umsätze der Unternehmen, die sich etwa um den Wiederaufbau kümmern), misst man das, was wirklich zählt.

Da gibt es zum Beispiel den Human Development Index, der die Lebenserwartung, Bildung und das Bruttoeinkommen pro Kopf in einem Land zusammenfasst. Oder den Happy Planet Index, bei dem lateinamerikanische Staaten ziemlich abräumen. Er spiegelt Lebenserwartung, Lebenszufriedenheit und Ungleichheit wider – im Verhältnis zum ökologischen Fußabdruck eines Landes.

Degrowth ist schon lange kein Nischenthema mehr. Im Mai fand eine ganze Konferenz dazu im EU-Parlament statt, die ­Beyond Growth Conference. Drei Tage lang haben sich die Abgeordneten über Alternativen zum Wachstumszwang ausgetauscht.

Der Gedanke an Degrowth-Maßnahmen lösen bei den meisten Po­li­ti­ke­r*in­nen und Wäh­le­r*in­nen gerade eher Schnappatmung aus als einen verträumten Seufzer. Die Degrowth-Utopie klingt ungewohnt, für viele unvorstellbar. Und das ist verständlich, schließlich haben wir uns über Generationen an eine Welt mit Wirtschaftswachstum gewöhnt.

Noch viel länger haben wir uns jedoch an eine Welt gewöhnt, die uns mit ausreichend Nahrung, sauberem Wasser, erträglichen Temperaturen und Luft zum Atmen versorgt. Für eine der beiden Welten müssen wir uns entscheiden. Denn beides auf einmal geht nicht.

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