Montag, 29. Juni 2026

Wir machen uns gar nicht klar, welche Unmengen an Energie wir in Maschinen mit elend schlechten Wirkungsgraden verpuffen lassen

Otmar Bender

Wir machen uns gar nicht klar, welche Unmengen an Energie nur deshalb produziert werden müssen, weil die Maschinen, die wir damit betreiben, so elend schlechte Wirkungsgrade haben. 

Wer das begreift, dem geht ein großes Licht auf. Es verändert noch einmal den Blick auf Dieselstinker, Ölheizungen oder mit Kohle befeuerte Hochöfen. Es unterstreicht noch einmal doppelt die Erkenntnis: Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, sie zu betreiben.

Und wenn hier von »Unmengen« an Energie die Rede ist, dann meint das: Unmengen.

 
Rosenow dazu: »Seit dem Jahr 2000 hat höhere Energieeffizienz in der EU einen Energiebedarf von rund 249 Millionen Tonnen Rohöleinheiten  vermieden«, schreibt er, »was etwa 29 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Jahres 2024 entspricht.« Ist das zu fassen?

Es geht noch weiter: »Bei einer vertieften Nutzung aller drei Hebel – Effizienz, Elektrifizierung und Ausbau erneuerbarer Energien – könnte der europäische Gasverbrauch von 340 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2025 auf 101 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2040 sinken, also um etwa 70 Prozent

Durch Elektrifizierung sind Einsparungen von zwei Billionen Euro möglich!


Spiegel hier  Eine Kolumne von Ullrich Fichtner  24.06.2026

Die Welt muss nichts mehr verbrennen, um unter Strom zu stehen

Ein unterschätzter Nebeneffekt der Elektrifizierung ist, dass sie den Energiebedarf insgesamt drastisch sinken lässt, sagt ein bedeutender Forscher aus Oxford. Und er hat noch ein paar mehr gute Nachrichten.

Ich kenne Ernst-Ulrich von Weizsäcker nicht persönlich, erlaube mir aber trotzdem, ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Er ist gerade 87 geworden – und er lebe hoch.

Überflüssig, ihm zu wünschen, dass seine fulminanten Thesen zur Effizienzrevolution nicht in Vergessenheit geraten mögen. Sie werden ja, im Gegenteil, mit den Jahren nur immer besser verstanden und durch reale Entwicklungen weiter unterfüttert.

Vor dreißig Jahren, 1995, als die damalige Welt erste Ideen davon entwickelt hatte, dass sich Raubbau und Verschwendung zum existenziellen Problem entwickeln, mischte Weizsäckers Denken die Welt auf. Da war er ökologisch schon seit Jahrzehnten viel weiter als die meisten Zeitgenossen, und nun legte er zusammen mit Amory und Hunter Lovins einen Bericht mit dem Titel »Faktor Vier«  vor.

Faktor Vier? Die zugehörige Faustregel lautet: doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch. Das klang esoterisch und war im Detail auch recht kompliziert. Aber im Prinzip ist es leicht zu verstehen: Es geht um den Aufbruch in eine Welt, in der die Verschwendung von Energie bestraft und ihr effizienter Einsatz belohnt wird. Eine Welt, in der technischer Fortschritt den Einsatz fossiler Brennstoffe alt und falsch aussehen lässt. Und in der Regierungen die Weichen richtig stellen.

Zum Autor: Ullrich Fichtner, Jahrgang 1965, bereist als Reporter des SPIEGEL seit 2001 die Welt. Er hat aus vielen Kriegs- und Krisengebieten berichtet, mit wechselnden Dienstsitzen in Hamburg, New York und Paris. Seine Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Dass viele Menschen heute, zumal im reichen Europa, den Glauben an die Zukunft verlieren, findet er unbegreiflich. Heutige Kinder seien, im Gegenteil, »geboren für die großen Chancen«, meint er, und so lautet auch der Titel eines seiner Bücher.

Es geht voran in Richtung »Faktor Vier«

Spätestens an dieser Stelle sollte es auch bei jüngeren Leuten klingeln: Ist das womöglich die Welt, an der wir 30 Jahre später tatsächlich arbeiten? In der ein anschwellender CO₂-Preis  gegen die Energieverschwendung gerade wirksam wird? In der das Verbrennen von Öl und Gas durch eine politisch gewollte Nachhaltigkeitsrevolution förmlich überrollt wird? Und in der immer mehr Menschen das Wort Ressourcenproduktivität  fehlerfrei buchstabieren können?

Die korrekte Antwort auf solche Fragen kann nicht eindeutig ausfallen. So wie es völlig weltfremd wäre zu sagen, seit »Faktor Vier« sei nichts geschehen, so falsch wäre die Behauptung, dass Weizsäckers Konzepte entschlossen umgesetzt würden. Aber es geht voran in die Richtung, die er vorgezeichnet hat. Die Verhältnisse bewegen sich zu seinen Gedanken hin.

Ich musste an Weizsäckers Pionierarbeiten denken, weil ich über einen brandneuen Aufsatz von Jan Rosenow  gestolpert bin, dem mit akademischen Ehren überhäuften Leiter der Energiesparte am Environmental Change Institut in Oxford. Rosenow zitiert von Weizsäcker in seinen Arbeiten nicht, soweit ich sehe, aber er steht eindeutig in dessen Denktradition.

Unmengen an Energie verpuffen in alten Maschinen

Im erwähnten Aufsatz erklärt Rosenow ein Phänomen, das einschlägig bewanderten Experten geläufig sein mag, ins Allgemeinwissen aber noch lange nicht eingesickert ist.

Es geht darum, dass die um sich greifende Elektrifizierung nicht nur deshalb vorteilhaft ist, weil beim Betreiben von Autos zum Beispiel keine direkten Emissionen mehr durch die Verbrennung von Benzin entstehen. Ein weiterer, womöglich wesentlicher Vorteil liegt darin, dass zum Betrieb von E-Autos schlicht viel weniger Energie gebraucht wird, weil ihr Antrieb wesentlich effizienter arbeitet als der von Verbrennern.


Anders gesagt: 

Wir machen uns gar nicht klar,
welche Unmengen an Energie nur deshalb produziert werden müssen, weil die Maschinen, die wir damit betreiben,
so elend schlechte Wirkungsgrade haben


Wer das begreift, dem geht ein großes Licht auf. Es verändert noch einmal den Blick auf Dieselstinker, Ölheizungen oder mit Kohle befeuerte Hochöfen. Es unterstreicht noch einmal doppelt die Erkenntnis: Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, sie zu betreiben.

Der Verbrauch sinkt schon seit 2000 drastisch

Und wenn hier von »Unmengen« an Energie die Rede ist, dann meint das: Unmengen. Rosenow dazu: »Seit dem Jahr 2000 hat höhere Energieeffizienz in der EU einen Energiebedarf von rund 249 Millionen Tonnen Rohöleinheiten  vermieden«, schreibt er, »was etwa 29 Prozent des gesamten Energieverbrauchs des Jahres 2024 entspricht.« Ist das zu fassen?

Es geht noch weiter: »Bei einer vertieften Nutzung aller drei Hebel – Effizienz, Elektrifizierung und Ausbau erneuerbarer Energien – könnte der europäische Gasverbrauch von 340 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2025 auf 101 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2040 sinken, also um etwa 70 Prozent.«

Ich sag’s nur noch mal zur Sicherheit: Mit Rosenow spricht kein Blogger oder Kolumnist, sondern ein international anerkannter Energieforscher. Und er sagt, wenn ich das mal so übersetzen darf, dass das Erreichen selbst der ehrgeizigsten Klimaziele auf dem Feld der Energieproduktion gut machbar wäre, wenn die Regierungen jetzt nicht lockerlassen und weiterhin die richtigen Optionen wählen.

Einsparungen von zwei Billionen Euro möglich

Rosenow wirbt dafür, die Elektrifizierung, die Energiewende und die Effizienzrevolution nicht als drei voneinander geschiedene Politikpfade zu begreifen, sondern als Teile eines zusammenhängenden Systems. »Effizienz reduziert, was an Energie bereitgestellt werden muss.«

Der Satz könnte von Ernst-Ulrich von Weizsäcker sein, Jahrgang 1939. Er stammt aber von Jan Rosenow, Jahrgang 1979, und aus dem Juni 2026.

Die Hammer-Rechnung für den Gasverbrauch gilt natürlich fürs Erdöl ebenso. Der Ölbedarf könnte laut Rosenow bis 2040 von heute 350 Millionen Tonnen Rohöleinheiten auf 98 Millionen zurückgehen, das wäre eine Absenkung um 72 Prozent. Und: Insgesamt ließen sich in der EU »je nach Preisniveau zwischen 1,4 Billionen Euro und zwei Billionen Euro an Ausgaben für Gas- und Ölimporte einsparen«. Das ist kein Tippfehler.

Ich würde also vorschlagen, wir machen’s mit Rosenows und von Weizsäckers Erkenntnissen so wie mit denen der deutschen Rentenkommission: abfeiern, herzlich danken und dann: umsetzen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen