Sonntag, 15. März 2026

Herumgeschubst hat freilich niemand irgendwen

 

Nils Dorenbeck

Linguistische Extremismusforschung

In seinem ersten Interview seit der Landtagswahl führt Manuel Hagel vor, wie schnell Beteuerungen zu hohlem anstatt angemessenem Pathos verkümmern 

und das Bild des Charakters (Ethos) eines Redners beschädigen, wenn sie nicht auf der Ebene des Logos substantiiert werden und weder mit den übrigen Rede-Teilen noch mit dem sonstigen Handeln des Redners in Einklang stehen (aptum).


Hagel beteuert, dass er „für einen politischen Stil mit Anstand und Verantwortung“ stehe.
Gefragt nach dem Rehaugen-Video, seiner damaligen „Kommentierung“ und den „öffentlichen Reaktionen“, spricht er dennoch nur von diesen, übernimmt also keine „Verantwortung“.

 Und auf die Frage, ob er angesichts von Forderungen aus seiner Partei, die nur bei einer absoluten Mehrheit der CDU gerechtfertigt wären, „ein Machtwort sprechen“ müsse, antwortet er schlicht: „Nein.“ Denn: „Wir lassen uns nicht herumschubsen.“

Herumgeschubst hat freilich niemand irgendwen.
Wahlkampf hat man getrieben, inklusive der Thematisierung des Charakters des CDU-Spitzenkandidaten anhand eines alten Interview-Ausschnitts. Das sind keine „neuen Methoden“, sondern es ist ein legitimes und wichtiges politisches Anliegen. Dies als Herumschubsen zu deuten, bricht nicht nur dieses Versprechen: „Sie werden von mir kein Gejammer hören.“ Vor allem deutet es legitimen Wahlkampf zu einem persönlichen und unanständigen Übergriff um.

„Ich möchte einfach keine amerikanischen Verhältnisse in unserem Land, in denen sich gesellschaftliche Gruppen ganz unversöhnlich gegenüberstehen.“ Wäre dann nicht doch „ein Machtwort“ gegen die überzogenen Forderungen z. B. des Herrn Bäumler nötig?

„Anderen ist das offenkundig ganz egal.“ Denjenigen, die Herrn Hagel „herumgeschubst“ haben, indem sie ihn kritisierten?

„Es geht aber nicht um mich – es geht ums Land. Zuerst das Land, dann die Partei, dann man selbst.“ Dieses Interview macht leider den umgekehrten Eindruck.


Hintergrund: 

hier Schwäbische Zeitung  13.03.2026

„Noch nie erlebt“: Jetzt spricht Hagel! Das große Exklusiv-Interview nach der Wahlniederlage

Manuel Hagel zieht nach der Wahl Bilanz, spricht über Verantwortung, Hass im Wahlkampf und klare Vorgaben für mögliche Koalitionsgespräche.



Thomas Reinsch /LinkedIn 13. März 2026

Die CDU und die Kunst, Wahlniederlagen umzudeuten

Das Interview [Schwäbisch. de ) des baden-württembergischen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel nach der verlorenen Landtagswahl ist ein bemerkenswertes Dokument politischer Selbstdeutung. 

Bemerkenswert deshalb, weil sich darin weniger eine ernsthafte Analyse der eigenen Niederlage findet als vielmehr der Versuch, das Wahlergebnis rhetorisch zu relativieren und in eine andere politische Erzählung einzubetten.

Anstatt die Wahl als das zu benennen, was sie offensichtlich ist – eine Niederlage der CDU –, entsteht im Interview der Eindruck, als habe sich die Partei eigentlich ganz ordentlich geschlagen und sei lediglich Opfer eines besonders aggressiven oder unfair geführten Wahlkampfes geworden. Immer wieder ist von einem raueren Ton die Rede, von Angriffen, von einer neuen Qualität der politischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig betont Hagel mehrfach den angeblich anderen Stil der CDU, die sich selbst als „staatstragende Partei“ versteht und sich von solchen Methoden abgrenze.

Diese Argumentationsfigur ist politisch nicht neu. Sie folgt einem Muster, das in vielen Demokratien immer dann sichtbar wird, wenn politische Akteure Schwierigkeiten haben, ein unerwartetes oder unangenehmes Wahlergebnis zu akzeptieren. Die Verantwortung für die Niederlage wird dabei nicht primär im eigenen politischen Angebot gesucht, sondern in äußeren Umständen: im Ton des Wahlkampfes, im Verhalten der politischen Konkurrenz oder in den vermeintlich unfairen Dynamiken öffentlicher Debatten.

Gerade deshalb wirkt diese Rhetorik in diesem Fall besonders irritierend. Denn sie erinnert in ihrer Struktur ausgerechnet an jene politische Strategie, die Vertreter der CDU sonst regelmäßig der Alternative für Deutschland vorwerfen: die Inszenierung einer Opferrolle nach politischen Niederlagen. Wenn Wahlergebnisse nicht den eigenen Erwartungen entsprechen, wird der politische Wettbewerb selbst zum Problem erklärt. Die Niederlage erscheint dann nicht als Ergebnis demokratischer Entscheidungen, sondern als Folge unfairer Umstände.

Eine solche Deutung mag kurzfristig entlastend wirken, weil sie eine unangenehme Selbstkritik vermeidet. Langfristig jedoch untergräbt sie die politische Glaubwürdigkeit. Demokratie beruht auf der Fähigkeit politischer Akteure, Wahlergebnisse anzuerkennen – auch dann, wenn sie den eigenen Erwartungen widersprechen.

In diesem Zusammenhang wirkt auch die wiederholte Selbstbeschreibung der CDU als „staatstragende Partei“ bemerkenswert. Der Begriff hat in der politischen Tradition der Bundesrepublik durchaus eine Bedeutung - er bezeichnet Parteien, die sich in besonderer Weise der Stabilität demokratischer Institutionen verpflichtet fühlen. Doch gerade deshalb wirkt seine Verwendung in diesem Kontext eigentümlich. Denn staatstragend ist eine Partei nicht dadurch, dass sie sich selbst so bezeichnet. Staatstragend ist sie dann, wenn sie demokratische Prozesse respektiert und politische Niederlagen ohne rhetorische Ausweichmanöver akzeptiert.

Im Interview entsteht jedoch der Eindruck, als müsse das Wahlergebnis zunächst relativiert werden. Hinweise auf bestimmte Stimmenkonstellationen, Erststimmenanteile oder parlamentarische Mehrheiten sollen offenbar verdeutlichen, dass die politische Lage komplexer sei, als es die einfache Feststellung einer Wahlniederlage nahelegt. Natürlich können solche statistischen Details politisch interessant sein. Sie ändern jedoch nichts an der grundlegenden Tatsache, dass die CDU bei dieser Wahl nicht stärkste Kraft geworden ist.

Gerade diese rhetorische Relativierung der Niederlage verweist auf eine tiefere Entwicklung innerhalb der CDU. Seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass sich Teile der Partei nicht nur inhaltlich, sondern auch kommunikativ verändern. Politische Argumentationen werden stärker emotionalisiert, Konflikte moralisch aufgeladen und politische Gegner zunehmend delegitimiert. Gleichzeitig wächst die Neigung, politische Niederlagen nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Präferenzen zu interpretieren, sondern als Folge unfairer politischer Dynamiken.

Diese Entwicklung ist nicht isoliert zu betrachten. Sie steht im Zusammenhang mit einer breiteren Verschiebung der politischen Landschaft, in der konservative Parteien versuchen, auf den Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen zu reagieren. Häufig geschieht dies durch eine rhetorische und programmatische Annäherung an Themen und Argumentationsmuster, die ursprünglich von diesen Bewegungen geprägt wurden.

Doch genau darin liegt ein politisches Paradox. Denn die Geschichte europäischer Demokratien zeigt immer wieder, dass etablierte Parteien populistische Bewegungen selten dadurch schwächen, dass sie deren rhetorische Muster übernehmen. Häufig geschieht das Gegenteil -  durch die Übernahme solcher Narrative werden sie normalisiert und damit politisch legitimiert.

Im deutschen Kontext betrifft diese Dynamik insbesondere das Verhältnis der CDU zur A*D. Wenn konservative Parteien beginnen, politische Konflikte stärker über kulturelle Bedrohungsszenarien, moralische Polarisierung oder Opfererzählungen zu rahmen, verschiebt sich der gesamte politische Diskurs. Und von dieser Verschiebung profitieren in der Regel jene Parteien, die diese Narrative ursprünglich etabliert haben.

In diesem Sinne ist das Interview von Manuel Hagel weniger als isolierte Kommunikations-strategie zu verstehen, sondern eher als Symptom einer größeren politischen Entwicklung. Es zeigt eine Partei, die sich in einer Phase strategischer Neuorientierung befindet und offenbar noch nicht entschieden hat, ob sie ihre Zukunft stärker in einer moderaten konservativen Tradition oder in einer schärfer polarisierten politischen Rhetorik sieht.

Gerade mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen im Jahr 2026 – unter anderem in Rheinland-Pfalz – wird sich zeigen, welche Richtung die Partei tatsächlich einschlägt. Wahlkämpfe in diesen Bundesländern werden nicht nur regionale politische Auseinander-setzungen sein, sondern auch Tests für die strategische Ausrichtung der CDU in einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft.

Sollte sich der im Interview erkennbare Stil als Vorbote einer breiteren Kommunikationsstrategie erweisen, dann dürfte sich der politische Diskurs in den kommenden Monaten weiter verschärfen. Eine solche Entwicklung wäre nicht nur für die CDU selbst problematisch. Sie könnte auch dazu beitragen, jene politischen Dynamiken zu verstärken, die rechtspopulistische Parteien seit Jahren erfolgreich nutzen.

(man sollte nicht vergessen, dass die Schwäbische Zeitung sich sehr einseitig entwickelt hat in den letzten Jahren und inzwischen unter starkerm AFD -Einfluß steht  hier)

Man könnte diese Entwicklung fast mit Sarkasmus kommentieren - wenn etablierte Parteien beginnen, sich rhetorisch immer stärker an populistischen Kommunikationsmustern zu orientieren, leisten sie unbeabsichtigt einen Beitrag zur Stärkung jener Kräfte, vor denen sie offiziell warnen.

Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte sich die politische Strategie der CDU am Ende als eines der effektivsten Förderprogramme für die A*D erweisen. Ein Erfolg, den sich die Partei dann allerdings selbst zuschreiben müsste.

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