Mittwoch, 25. März 2026

Eine positive Vision für alle: Klimaschutz ist besser als jeder Tankrabatt

 Podcast Deutschlandfunk hier  Schulz, Sandra | 25. März 2026,

Klimaziele: Ja/Nein/Vielleicht

Mehr Windräder, mehr Ladesäulen, Milliarden Euro – Das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung liegt vor. Fachleute meinen: Die Regierung rechne sich den Klimaschutz schön. 


ARD Tagesschau hier  25.03.2026 Ein Kommentar von Gabor Halasz, ARD-Hauptstadtstudio

Klimaschutz - besser als jeder Tankrabatt

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Doch die Regierung ist sich nicht einig: Die einen drücken aufs Tempo, die anderen bremsen. Hinzu kommt das schlechte Image des Klimaschutzes. Es wird Zeit für ein Rebranding

"Klimaschutz ist anstrengend: Kostet viel Geld. Macht das Leben schwerer und nimmt mir meine Freiheit. Und wer wenig davon hält, ist ein schlechter Mensch." Das sind so in etwa die Schlagwörter der vergangenen Jahre. 


Warum aber es nicht mal mit einer Vision versuchen?
Wie wäre es mit: 

Elektroautos sind erschwinglich, können an jeder Ecke laden. Die Bahn fährt - pünktlich und zuverlässig.
Das Deutschlandticket wird nicht regelmäßig in Frage gestellt - und auch nicht immer teurer. 

Weil Öl und Gas mittlerweile so teuer sind,
kommen sie zum Heizen gar nicht mehr infrage.
Macht aber auch nichts, weil es Alternativen gibt.


Klimaschutz braucht ein neues Image

Das ist leider ein Traum, der nicht so schnell wahr werden wird. Aber vielleicht muss genau dieser Traum das Ziel sein. Klimaschutz braucht ein neues Image. Er nervt nicht, kann sogar Freude machen. 

  • Und ist langfristig gesehen besser als jeder Tankrabatt, wenn man bei Spritpreisen von mehr als zwei Euro pro Liter im Elektroauto an der Tankstelle vorbeifahren kann.

  • Wenn man nicht erschrickt, wenn die Gasrechnung kommt.

  • Wenn Unternehmen investieren, weil Klimaschutz auch Wachstum bedeutet.

  • Wenn die Menschen nicht das Gefühl haben, sie werden gezwungen. Sondern wenn sie wissen, dass sie klug für die Zukunft planen.
Die einen treten aufs Gas, die anderen auf die Bremse

So ein bisschen in diese Richtung geht auch das Klimaschutzprogramm der Bundesregierung. Weniger Polarisierung, fordert der Bundesumweltminister Carsten Schneider. Es soll nicht die Frage im Raum stehen: Bin ich ein guter oder schlechter Mensch? Sondern: Was lohnt sich, was ergibt Sinn? 

Aber das ist eben auch nur Theorie und das Programm der Bundesregierung besteht aus viel Papier.

Deutschland ist alles andere als auf Kurs, um seine Klimaziele zu erreichen. Es ist wenig glaubhaft, wenn der Umweltminister sagt, dass die Bundesregierung sich einig ist. 
Denn während Schneider aufs Tempo drückt, tritt die Wirtschaftsministerin auf die Bremse. ...


Süddeutsche Zeitung  hier 25. März 2026, Von Michael Bauchmüller

Prinzip Hoffnung: Die Bundesregierung und das Klimaziel 2030

Das Kabinett beschließt Maßnahmen, mit denen Deutschland den Ausstoß von Kohlendioxid massiv verringern soll. Doch Teile des Programms sind noch strittig.

25 Millionen Tonnen Kohlendioxid – das ist fast so viel, wie ganz Slowenien in zwei Jahren ausstößt. Oder: etwas weniger, als der gesamte Flugverkehr aus Deutschland im Jahr verursacht. 

Und so groß ist auch die Lücke, die Deutschland bis  2030 stopfen muss. 

Das jedenfalls hatte ein „Projektionsbericht“ im vorigen Jahr errechnet: 25 Millionen Tonnen müssen irgendwo noch eingespart werden, damit die nächste Bundesregierung an das Klimaziel für 2030 einen Haken machen kann: minus 65 Prozent klimaschädlicher Emissionen im Vergleich zu 1990.
Und glaubt man Carsten Schneider, dann ist die Lücke schon so gut wie geschlossen.

Am Mittwoch jedenfalls hat der Umweltminister von der SPD sein Klimaschutzprogramm durchs Kabinett gebracht, auf den letzten Drücker: Die gesetzliche Frist dafür lief am gleichen Tag ab. Das Ziel an sich sieht Schneider sogar übererfüllt: Die Zahlenkolonne möglicher Einsparungen addiert sich auf 27,1 Millionen Tonnen. Ob diese Tonnen am Ende herausspringen, ist aber offen.

Allein 6,5 Millionen Tonnen verspricht sich die Bundesregierung von einem verstärkten Ausbau der Windenergie an Land. Die Ausschreibungen, über die neue Windparks sich um Förderung bewerben können, sollen dafür um zwölf Gigawatt aufgestockt werden. Nach bisherigen Plänen sollten jährlich zehn Gigawatt ausgeschrieben werden. Diese Zahlen sollen nun so aufgestockt werden, dass die neuen Windräder bis 2030 am Netz sind.

Seit Jahren verfehlt der Verkehr zuverlässig alle Klimaziele

Weitere 6,3 Millionen Tonnen CO₂ sollen durch die „Treibhausgas-Quote“ für Kraftstoffe eingespart werden, also etwa durch die verstärkte Beimischung von Biokraftstoffen. Auch von der Förderung der Elektromobilität, zum Beispiel durch mehr Ladesäulen an Mietshäusern, und vom Fortbestand des Deutschlandtickets verspricht sich die Regierung jeweils eine Million Tonnen Ersparnis. 

Dummerweise hatte Schneider erst kürzlich eine Klimabilanz für 2025 vorlegen müssen, die für den Verkehrsbereich keine sinkenden, sondern steigende Emissionen auswies: um zwei Millionen Tonnen. Seit Jahren verfehlt der Verkehr zuverlässig alle Klimaziele. Zu schärferen Maßnahmen konnte sich das Kabinett offensichtlich nicht durchringen. 

„Ich will das Thema aus der Polarisierung herausholen“, sagt Schneider – also lieber fördern als fordern.

Auch in der Industrie setzt die Regierung vor allem auf Förderung, etwa für die Elektrifizierung von bislang fossilen Prozessen. Allein 4,3 Millionen Tonnen soll das einsparen, plus eine weitere Million durch Investitionen in die „Energie- und Ressourceneffizienz“. 

Im Gebäudebestand, wo im vorigen Jahr die Emissionen ebenfalls anstiegen, sollen günstigere Strompreise 1,3 Millionen Tonnen bringen, vor allem dank gesenkter Netzentgelte.

Hier allerdings beginnen auch schon die Probleme. Denn jener Fortschrittsbericht, dessen 25-Millionen-Tonnen-Lücke nun gestopft werden soll, verbuchte auf der Habenseite noch ganz dick das alte Heizungsgesetz, mitsamt seinen Klimaschutzvorgaben. Allein 12,2 Millionen Tonnen sollte das bis 2030 bringen. Dass die Koalitionsfraktionen nun beschlossen haben, genau diese Vorgaben zu streichen, findet in dem Programm noch keinen Niederschlag. Es gibt schließlich noch keinen Kabinettsbeschluss. Was den Klimaschutz im Heizungskeller angeht, setze er „auf Anreize und Vernunft“, sagt Schneider.

Ein Gesamtkonzept sei nicht erkennbar, sagt der Expertenrat für Klimafragen

Und auch der wichtigste Hoffnungsposten, der Ausbau der Windkraft, hat einen Haken. Denn parallel arbeitet Schneiders Kabinettskollegin für Energie, Katherina Reiche (CDU), an neuen Regeln für den Netzanschluss. Sie könnten die Finanzierungsbedingungen für neue Windparks deutlich verschlechtern. Eine solche Verschlechterung werde weder er noch die SPD-Fraktion mittragen, sagt Schneider. Womit allerdings an einer zentralen Stelle des Programms Streit droht.

Ob das Programm reicht, die Lücke zu schließen, daran mehren sich ohnehin die Zweifel – etwa beim Expertenrat für Klimafragen, einem vom Bund eingesetzten Gremium zur Begutachtung der deutschen Klimapolitik. Nach einer ersten Sichtung komme man zum Ergebnis, dass das Klimaprogramm nicht die gesetzlichen Anforderungen erfülle, teilte der Rat gleich am Mittwoch mit. 

Die Minderungen würden „vermutlich überschätzt“, das Ziel für 2030 wohl nur bei anhaltend schwacher Wirtschaftslage erreicht. Noch größer werde die Lücke in der nächsten Dekade, also bis 2040. Ein Gesamtkonzept sei nicht erkennbar.

Das sehen Umweltschützer und Opposition ähnlich. Die Bundesregierung setze „eher auf Hoffnung als auf Gewissheit“, kritisiert Greenpeace-Chef Martin Kaiser. Es fehle ein konsequenter Kurs weg von fossiler Energie. Die Umwelthilfe, die erst kürzlich die Bundesregierung erfolgreich auf Nachbesserungen beim Klimaschutz verklagt hatte, kündigte bereits die nächsten Verfahren an. Man werde Maßnahmen wie ein Tempolimit notfalls vor Gericht erstreiten.



Morgenpost hier

„Vieles schöngerechnet“: Experten zweifeln an Klimaschutzprogramm


RND hier


Klimaziel 2030: Warum zweierlei Klimaschutz nicht funktioniert


Zeit hier

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Frankfurter Rundschau hier

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