Alfred R. Krappel 18. August 2026
Ampel am Galgen: Mit dieser Vorrichtung am Traktor fuhr ein niedersächsischer Landwirt nach Berlin. (Quelle: LsV Wesermarsch, t-online)
Drei Millionen Tonnen Getreide verdorrt. Der Bauernverband fordert: billigeren Diesel.
600 Millionen Euro Verlust allein seit Mitte Juni, meldet der Raiffeisenverband. In Süddeutschland drohen teils Totalausfälle. Die Flüsse, auf denen das Korn zu den Mühlen fährt, führen kaum noch Wasser.
Und der Diesel ist erst der Anfang. Mehr Düngemittelbeihilfe. Ausnahmen beim Mindestlohn. Mehr vom Gift also, das die Höfe krank gemacht hat.
Wen wundert’s.
Bauernpräsident Joachim Rukwied hielt
laut einer NABU-Studie zeitweise mindestens 18 Mandate, darunter Aufsichtsräte bei BayWa und Südzucker.
Das ARD-Magazin Monitor bezifferte seine Vergütungen daraus auf mindestens 167.000 Euro im Jahr;
der Verband bestreitet die Zahlen.
Er vertritt nicht die Bauern, er vertritt das Agribusiness.
Die Bauern sind seine Kulisse. Und die wissen es: Schon 2019 fühlte sich laut forsa mehr als jeder zweite Landwirt vom eigenen Verband schlecht vertreten, 83 Prozent wünschten sich Förderung für umweltfreundliche Produktion.
Wer blockiert genau das in Brüssel? Ihr Präsident. In der Zukunftskommission unterschrieb der Verband mehr Naturschutz; kaum rollten 2024 die Traktoren, kämpfte er dafür, Umweltregeln zu kippen. Das ist kein Berufsstand. Das ist ein Kartell mit Trecker-Folklore.
Die Proteste vor dem Brandenburger Tor: echte Wut, echter Schmerz, eingespannt vor den Karren der Falschen. Die Funktionäre lenkten den Zorn auf den Agrardiesel.
Bloß nicht auf die Frage, warum ein System, das “Wachse oder weiche” predigt, seit 1971 drei Viertel aller Höfe gefressen hat. Rund 3.500 Betriebe schließen Jahr für Jahr. Dahinter das, worüber keiner spricht: Jeder vierte Landwirt gilt als burnoutgefährdet, die Suizidraten liegen international deutlich über denen der Gesamtbevölkerung. Ein Hof stirbt selten allein. Manchmal stirbt der Bauer mit.
Ich sage das nicht gegen die Bauern. Ich mag die Bauern: Sie bringen das Essen auf meinen Tisch, dreimal am Tag. Gerade deshalb dürfen wir sie nicht ihren falschen Freunden überlassen.
Was stattdessen? Fünferlei.
- Erstens: kleiner statt größer. Nicht aus Nostalgie, aus Vernunft.
Ein Marktgärtner versorgt auf einem halben Hektar Dutzende Familien mit Gemüse; wer zehn Kulturen anbaut, dem verdorrt nicht der ganze Hof. Die Flächenprämie, die pro Hektar zahlt und die Großen mästet, gehört umgebaut: Geld für Leistung am Land, nicht für Landmasse. - Zweitens: Bio als Standard. Ökologischer Boden hält mehr Wasser, braucht keinen Kunstdünger aus russischem Gas und macht den Hof unabhängig von genau den Konzernen, in deren Aufsichtsräten die Verbandsspitze sitzt. Vielleicht redet sie Bio deshalb so klein.
- Drittens: Regeneration. Boden, Wasser, Flüsse sind Commons: Sie gehören uns allen und den Enkeln zuerst, der Bauer ist ihr Treuhänder. Jeder Zentimeter Humus speichert Wasser, jede Hecke bremst den Wind, jeder wiedervernässte Graben füttert den Fluss, der heute leer liegt. Öko-Romantik? Nein: Dürreversicherung. Die einzige, die kaum Prämie kostet und Prämien verdient.
- Viertens: Bioregionalität. Weizen aus der Ukraine, Äpfel aus Neuseeland, Knoblauch aus China, und daheim verbrennt das Feld? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Die Region ernährt die Region. Ernährungsräte, Solidarische Landwirtschaft, essbare Städte wie Andernach, wo Gemüse im Stadtpark wächst und jeder ernten darf. Der kürzeste Weg vom Acker zum Teller ist der krisenfesteste. Kein Suezkanal, kein Niedrigwasser kann ihn kappen.
- Fünftens, der Kern: Jeder von uns muss zurück an die Erde. Nicht alle als Vollbauern, aber alle als Beteiligte. Ein Hochbeet, ein SoLaWi-Anteil, ein Samstag auf dem Hof nebenan. Wer einmal erlebt hat, dass eine Tomate von der Saat bis zur Frucht drei Monate braucht, wirft keine mehr weg. Und wählt anders. Es ging schon einmal: 1944 kamen rund 40 Prozent des Frischgemüses in den USA aus privaten “Victory Gardens”. Was Kriegsgesellschaften konnten, sollte eine Wohlstandsgesellschaft in der Klimakrise wohl schaffen.
Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die KI öffnet die Tür.
Hundert Jahre trieb die Technik die Menschen vom Acker ins Büro; 1900 arbeitete jeder Dritte in der Landwirtschaft, heute kaum jeder Hundertste. Jetzt beginnt die KI, die Büros zu leeren. Wir können daraus Arbeitslosigkeit machen, Bildschirmzeit und Abstellgleis. Oder Gartenzeit, Hofzeit, Bodenzeit: Hände, die wieder etwas Lebendiges anfassen. Rückschritt? Im Gegenteil: Arbeitsmarktpolitik, die sinnstiftend ist, gesund, und uns auch noch ernährt.
Die Dürre 2026 ist eine Quittung.
Bezahlen wir sie nicht mit Dieselrabatten.
Bezahlen wir die, die das Land heilen,
und werden wir selbst wieder welche davon.
Die Erde gehört nicht dem, der im Aufsichtsrat sitzt.
Sie gehört dem, der auf ihr kniet.
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