Montag, 3. August 2026

Nicht der Kapitalismus ist alternativlos - sondern unsere Vorstellungskraft ist es geworden.

  hier  Thomas Reinsch

Wer wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen z.B. in Deutschland grundsätzlich hinterfragt, begegnet früher oder später immer derselben Frage:

„ … und, was ist denn deine Alternative?“

Diese Frage begleitet nahezu jede grundsätzliche Kritik am bestehenden System. Verständlich, denn jede Gesellschaft braucht Orientierung und jede Veränderung benötigt eine Vorstellung davon, wohin sie führen soll. 

Gleichzeitig hat diese Frage jedoch über Jahrzehnte eine eigentümliche Wirkung entfaltet - sie verlangt häufig nach einem fertigen Gegenmodell, bevor überhaupt über die Schwächen und Grenzen des bestehenden Systems gesprochen werden darf bzw. sich intensiv mit den systemimmanenten Logiken auseinandergesetzt wird.

Auch ich habe diese Frage lange Zeit als den entscheidenden Punkt jeder Diskussion betrachtet. Heute sehe ich dies differenzierter. Denn vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, dass uns ein fertiger Gegenentwurf fehlt. Vielleicht liegt sie darin, dass wir verlernt haben, gesellschaftliche Entwicklung anders zu denken als in Form eines vollständigen Ersatzmodells.


Als müsste jede Kritik
an einem bestehenden Systemzwangsläufig
mit einem ausgearbeiteten Nachfolgemodell beginnen.


Doch so verlaufen gesellschaftliche Veränderungen selten.

Keine der großen Transformationen der Geschichte entstand, weil plötzlich ein vollständiger Bauplan für eine neue Ordnung vorlag. Veränderungen begannen mit der Erkenntnis, dass die bestehenden Strukturen die Herausforderungen ihrer Zeit nicht mehr angemessen beantworten konnten. Erst daraus entwickelten sich neue Ideen, neue Institutionen und schließlich neue gesellschaftliche Wirklichkeiten.

Deshalb ist die Vorstellung einer grundlegenden Revolution heute vor dem Hintergrund der kompletten Durchdingung der Gesellschaft durch den Kapitalismus, nicht realistisch. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen sind so komplex, dass ein radikaler Bruch kaum beherrschbare Verwerfungen auslösen würde. 


Eine bessere Zukunft entsteht nicht zwangsläufig
aus der Zerstörung des Bestehenden

Aber ebenso wenig entsteht sie aus der Annahme,
ein historisch erfolgreiches System könne seine eigenen Widersprüche dauerhaft beherrschen,
ohne sich grundlegend weiterzuentwickeln


Vielleicht liegt unsere eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, nach der einen großen Alternative zu suchen. Vielleicht müssen wir zunächst wieder lernen, Zukunft zu denken. Nicht als fertige Utopie und nicht als politischen Bauplan, sondern als eine Vision einer Gesellschaft, die über die Logik des heutigen Kapitalismus hinausweist.

Denn jede große gesellschaftliche Veränderung beginnt lange bevor sie sichtbar wird.

Sie beginnt in dem Moment, in dem Menschen den Mut entwickeln, sich eine Zukunft vorzustellen, die anders ist als die Gegenwart. 



Thomas Reinsch  30. Juli 2026

Nicht der Kapitalismus ist alternativlos - sondern unsere Vorstellungskraft ist es geworden.

Der eigentliche Fehler unserer Debatte

Die Schwäche unserer gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten liegt vielleicht nicht darin, dass wir zu wenig über Veränderungen sprechen. Sie liegt darin, dass wir häufig über Veränderungen sprechen, ohne die Strukturen zu verstehen, aus denen die Probleme überhaupt entstehen.

Denn jede Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung folgt bestimmten Logiken. Diese Logiken erzeugen Stabilität und Fortschritt, solange sie zu den Herausforderungen ihrer Zeit passen. Gleichzeitig erzeugen sie aber auch eigene Spannungen und Widersprüche.

Der Kapitalismus ist dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel.

Seine Innovationskraft, seine Fähigkeit zur Produktivitätssteigerung und seine Dynamik entstehen aus Mechanismen wie Wettbewerb, Wachstum, Kapitalakkumulation und der Suche nach Effizienz. Genau diese Mechanismen erzeugen gleichzeitig Verwerfungen - Konzentration von Vermögen, zunehmende Bedeutung von Kapital gegenüber Arbeit, Druck zur permanenten Expansion und den Umstand immer wieder gesellschaftliche und ökologische Grenzen als äußere Faktoren zu behandeln.

Diese Widersprüche sind kein Betriebsunfall eines ansonsten funktionierenden Systems.
Sie sind Teil seiner inneren Logik.

Deshalb entstehen Krisen in unterschiedlichen historischen Formen immer wieder. Die Frage ist nicht, ob ein kapitalistisches System Krisen erzeugt. Die entscheidende Frage ist, wie eine Gesellschaft mit diesen Krisen umgeht.

Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt - wenn die Ursachen struktureller Probleme nicht verstanden oder bewusst verdrängt werden, richtet sich politische Aufmerksamkeit häufig auf die sichtbaren Symptome. Dann entstehen Lösungen, die kurzfristig Stabilität versprechen, langfristig aber wiederum neue Spannungen erzeugen.

Nicht selten führt dies zu einer Politik der Vereinfachung und der Begrenzung - weniger Offenheit, mehr Kontrolle, stärkere Individualisierung gesellschaftlicher Risiken und die Suche nach vermeintlich einfachen Antworten auf komplexe Herausforderungen.

Die politischen Entwicklungen vieler westlicher Demokratien lassen sich deshalb auch als Reaktionen auf diese systemischen Verwerfungen verstehen. Anstatt jedoch die Ursachen der Krisen zu analysieren, konzentriert sich Politik häufig auf deren Symptome. Daraus entsteht nicht selten eine Politik, die gesellschaftliche Unsicherheiten mit mehr Kontrolle, mehr Restriktion und einer stärkeren Unterordnung gesellschaftlicher Bereiche unter ökonomische Verwertungslogiken beantwortet.

Die Politik der Bundesregierung unter Friedrich Merz lässt sich aus meiner Sicht exemplarisch als Ausdruck dieser Entwicklung verstehen. Sie steht damit weniger für einen politischen Sonderweg als für einen internationalen Trend, strukturelle Krisen vor allem mit ordnungs-, migrations- oder wettbewerbspolitischen Antworten zu beantworten.
Die tieferliegenden strukturellen Ursachen bleiben dagegen weitgehend unangetastet. Statt die Gesellschaft schrittweise von den zunehmend problematischen Logiken des Kapitalismus zu emanzipieren, verstärkt diese Politik deren Einfluss sogar noch.

Der Markt wird damit nicht länger als ein Instrument gesellschaftlicher Entwicklung verstanden. Er entwickelt sich zunehmend zum Maßstab, an dem sich immer mehr gesellschaftliche Bereiche orientieren müssen. Was ursprünglich der Organisation wirtschaftlicher Prozesse dienen sollte, wird so schrittweise zum Organisationsprinzip der Gesellschaft selbst.

Das Problem dabei ist nicht, dass einzelne politische Entscheidungen falsch oder richtig wären. Das Problem liegt darin begründet, dass eine Gesellschaft langfristig keine tragfähigen Antworten entwickeln kann, wenn sie die Ursachen ihrer Krisen nicht analysiert.

Genau hier beginnt jedoch die Schwierigkeit jeder grundlegenden Kritik.

Denn wer bestehende Strukturen hinterfragt, übernimmt eine besondere Verantwortung. Es reicht nicht aus, Widersprüche aufzuzeigen. Kritik allein führt nicht automatisch zu einer besseren Zukunft. Sie muss sich der Frage stellen, welche Richtung eine Gesellschaft stattdessen einschlagen könnte.

Und genau an diesem Punkt wird jede Kritik angreifbar.

Wer keine fertigen Antworten liefert, wird schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, nur zu zerstören. Wer versucht, eine Vision zu entwickeln, setzt sich dagegen der Kritik aus, unrealistisch, utopisch oder unwissenschaftlich zu sein.

Vielleicht liegt darin eines der größten Widrigkeiten - einerseits werden Alternativen verlangt, andererseits aber kaum der offene Denkraum akzeptiert, den jede echte gesellschaftliche Veränderung benötigt.

Eine Vision ist kein fertiges Gesellschaftsmodell - sie ist kein detaillierter Bauplan für die nächsten Jahrzehnte. Visionen ersetzen politische Programme nicht. Sie geben ihnen jedoch eine Richtung. Ohne gemeinsame Vorstellung einer wünschenswerten Zukunft reduziert sich Politik leicht auf die Verwaltung bestehender Probleme.

Eine Vision ist zunächst eine Orientierung - eine Vorstellung davon, welche Prinzipien, Werte und Grenzen eine zukünftige Gesellschaft prägen sollten.
Denn zwischen dem Festhalten am Bestehenden und dem radikalen Bruch liegt ein dritter Weg - die langfristige Entwicklung einer neuen gesellschaftlichen Vorstellung.

Nicht als fertige Antwort auf alle Fragen - sondern als Ausgangspunkt für einen gemeinsamen Lernprozess.

Die ersten Bausteine einer Vision

Wenn wir akzeptieren, dass gesellschaftliche Entwicklung nicht mit einem fertigen Gegenmodell beginnt, sondern mit einer Vision, dann stellt sich eine andere Frage - wo finden wir heute bereits Gedanken, die über die Logik des gegenwärtigen Kapitalismus hinausweisen?

Dabei geht es nicht um die Suche nach einer neuen Ideologie. Es geht vielmehr um die Suche nach Prinzipien, die geeignet sind, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser zu begegnen als die Antworten des vergangenen Jahrhunderts.

Zwei Denkerinnen erscheinen in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert - Mariana Mazzucato und Kate Raworth.

Nicht deshalb, weil sie eine neue Gesellschaft entworfen hätten. Sondern weil sie an zwei entscheidenden Stellen beginnen, das wirtschaftliche Denken neu auszurichten.

Mariana Mazzucato stellt eine Frage, die in den vergangenen Jahrzehnten nahezu aus dem politischen Diskurs verschwunden war - welche Rolle sollte der Staat eigentlich in einer modernen Wirtschaft spielen? 

Seit den 1980er Jahren wird der Staat in zunehmendem Maße vor allem als Verwalter, Regulierer oder Korrektiv des Marktes verstanden. Mazzucato dreht diese Perspektive um. Sie beschreibt den Staat als aktiven Gestalter gesellschaftlicher Entwicklung. Nicht als Ersatz für unternehmerische Initiative, sondern als Partner bei der Lösung großer gemeinsamer Aufgaben. 

Innovation entsteht nach ihrer Analyse nicht ausschließlich durch Märkte. Sie entsteht dort, wo Gesellschaften bereit sind, gemeinsame Ziele zu definieren und die dafür notwendigen Investitionen langfristig zu ermöglichen. 

Damit verschiebt sich der Blick von der Frage, wie der Staat möglichst wenig eingreifen sollte, hin zu der Frage, welche Zukunft er gemeinsam mit Wirtschaft und Gesellschaft gestalten kann.


Kate Raworth setzt an einer anderen Stelle an. Sie fragt nicht zuerst, wie Wirtschaft organisiert werden sollte, sondern welchem Zweck sie überhaupt dient.

Mit ihrer Donut-Ökonomie beschreibt sie einen Denkrahmen, der wirtschaftlichen Erfolg weder ausschließlich am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts noch an der Rendite des eingesetzten Kapitals misst. Wirtschaftliches Handeln erhält vielmehr einen doppelten Bezugsrahmen - es muss die sozialen Grundlagen eines menschenwürdigen Lebens sichern und gleichzeitig die ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten respektieren.

Auch Raworth liefert damit keinen fertigen Gesellschaftsentwurf - sie verändert jedoch die Perspektive, aus der wir wirtschaftlichen Erfolg bewerten.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung beider Ansätze - sie präsentieren keine neue Ideologie und keinen Masterplan für eine zukünftige Gesellschaft. Sie liefern Bausteine. Sie öffnen Denkräume. Und sie zeigen, dass wirtschaftliches Handeln nicht zwangsläufig den Logiken folgen muss, die heute häufig als alternativlos proklamiert werden.

Vielleicht besteht der größte Fortschritt ihrer Arbeiten deshalb gar nicht in den einzelnen Vorschlägen - er besteht darin, dass sie den Mut haben, Zukunft wieder als gestaltbaren Raum zu begreifen.

Genau darin sehe ich den Beginn einer Vision - nicht als fertiges Modell einer Gesellschaft, das nur noch umgesetzt werden müsste.

Sondern als Einladung, Schritt für Schritt neue institutionelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen zu entwickeln, die den Herausforderungen unserer Zeit besser entsprechen als die Antworten, die wir aus der Vergangenheit übernommen haben.

Der Weg über den Kapitalismus hinaus führt zunächst durch den Kapitalismus selbst

Wenn eine gesellschaftliche Vision mehr sein soll als eine abstrakte Utopie, muss sie sich einer unbequemen Realität stellen - der Kapitalismus wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Zu tief sind seine wirtschaftlichen, rechtlichen und gesellschaftlichen Strukturen mit unserem Alltag verwoben. Gerade deshalb erscheint mir die Vorstellung eines abrupten Bruchs nicht realistisch.

Daraus folgt jedoch nicht, dass wir seine Logiken unverändert fortschreiben müssen - im Gegenteil.

Wenn die Analyse zutrifft, dass die Krisen des Kapitalismus nicht zufällig entstehen, sondern Ausdruck seiner inneren Dynamik sind, dann genügt es nicht, einzelne politische Fehlentwicklungen zu korrigieren. Dann müssen wir beginnen, genau jene Logiken schrittweise aufzubrechen, die diese Krisen immer wieder hervorbringen.

Die eigentliche Transformation beginnt deshalb nicht mit der Abschaffung von Unternehmen oder Märkten. Sie beginnt dort, wo sich ihre Funktion verändert. Wirtschaft darf nicht länger ausschließlich der Verwertung von Kapital dienen. Sie muss sich zunehmend an ihrem gesellschaftlichen Nutzen messen lassen.

Das ist keine Rückkehr zu einer staatlich gelenkten Planwirtschaft. Es ist vielmehr die Frage, welche Bereiche unseres wirtschaftlichen Handelns dauerhaft den Renditeerwartungen privater Kapitalmärkte unterworfen sein sollten – und welche nicht.

Gerade der demografische Wandel eröffnet hierfür Möglichkeiten, über die bislang erstaunlich wenig gesprochen wird. In den kommenden Jahren werden zehntausende mittelständische Unternehmen vor einem Nachfolgeproblem stehen. Für viele von ihnen wird sich keine familieninterne oder private Unternehmensnachfolge mehr finden. In der öffentlichen Debatte wird dies meist ausschließlich als wirtschaftliches Risiko beschrieben – aber könnte darin nicht auch eine historische Chance liegen?

Warum sollte der Eigentümerwechsel zwangsläufig wieder zu einer privaten Kapitalgesellschaft führen? Warum nicht stärker darüber nachdenken, Unternehmen in genossenschaftliche Strukturen zu überführen – getragen von den Menschen, die in ihnen arbeiten oder deren wirtschaftliche Existenz unmittelbar mit ihrem Fortbestand verbunden ist? Natürlich benötigen auch genossenschaftliche Unternehmen Kapital. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass Kapital dort überwiegend der langfristigen Entwicklung des Unternehmens dient und nicht umgekehrt das Unternehmen primär den Renditeinteressen externer Kapitalgeber.

Genossenschaften sind keine nostalgische Erinnerung an vergangene Wirtschaftsformen. Sie sind ein modernes Eigentumsmodell, das wirtschaftliches Handeln mit demokratischer Mitbestimmung verbindet und langfristige Stabilität häufig höher bewertet als kurzfristige Rendite.

Ähnliches gilt für Unternehmen in gebundenem Vermögen. Rechtsformen wie die GmbH in Verantwortungseigentum beziehungsweise in gebundenem Vermögen eröffnen die Möglichkeit, Unternehmen dauerhaft ihrer ursprünglichen Aufgabe zu verpflichten. Gewinne können weiterhin erwirtschaftet werden. Sie verlieren jedoch ihren Charakter als vorrangiges Ziel unternehmerischen Handelns und werden wieder zu einem Mittel, die langfristige Entwicklung des Unternehmens und seinen gesellschaftlichen Zweck zu sichern.

Damit verändert sich nicht nur die Eigentumsstruktur - es verändert sich die Logik wirtschaftlichen Handelns. Noch deutlicher wird diese Frage in Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge.


Energieversorgung, bezahlbarer Wohnraum, Wasser, Mobilität oder Teile der Gesundheitsversorgung
sind weit mehr als gewöhnliche Märkte

Sie bilden die Infrastruktur einer funktionierenden Gesellschaft

 

Werden sie überwiegend nach Renditegesichtspunkten organisiert, geraten zwangsläufig Ziele in den Hintergrund, die sich nicht unmittelbar in Quartalsbilanzen abbilden lassen - Versorgungssicherheit, soziale Teilhabe, regionale Entwicklung oder ökologische Nachhaltigkeit.

Deshalb erscheint es sinnvoll, dort, wo es gesellschaftlich geboten ist, strategische Bereiche schrittweise wieder in kommunale oder öffentliche Verantwortung zu überführen. Nicht weil der Staat grundsätzlich der bessere Unternehmer wäre. Sondern weil bestimmte Aufgaben ihrem Wesen nach dem Gemeinwohl verpflichtet sind und deshalb einer anderen Steuerungslogik folgen sollten als der Maximierung privater Kapitalerträge.

An diesem Punkt gewinnt auch eine Entwicklung an Bedeutung, die in der öffentlichen Diskussion häufig nur am Rande wahrgenommen wird.

In mehreren Ländern fordern inzwischen sehr vermögende Menschen selbst eine stärkere Beteiligung großer Vermögen an der Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Diese Forderung ist bemerkenswert - nicht, weil sie einen grundlegenden Wandel des Kapitalismus einleitet, sondern weil sie zeigt, dass selbst innerhalb des bestehenden Systems das Bewusstsein wächst, dass gesellschaftlicher Wohlstand auf funktionierende öffentliche Strukturen angewiesen ist.

Ich verstehe diese Forderungen deshalb weniger als moralischen Appell, denn als Ausdruck einer wachsenden Einsicht - gesellschaftlicher Zusammenhalt, leistungsfähige Infrastruktur, gute Bildung, bezahlbarer Wohnraum und eine gelingende ökologische Transformation entstehen nicht von selbst.
Sie sind Voraussetzungen wirtschaftlichen Erfolgs und zugleich Investitionen in die Zukunft einer demokratischen Gesellschaft.

Entscheidend wäre allerdings, solche zusätzlichen Mittel nicht lediglich zur kurzfristigen Haushaltskonsolidierung einzusetzen. Ihr eigentlicher Wert läge darin, sie gezielt für den Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen zu verwenden - für die Förderung genossenschaftlicher Unternehmensmodelle, für Verantwortungseigentum, für kommunale Energieversorgung, für gemeinwohlorientierten Wohnungsbau und für jene öffentlichen Institutionen, die den sozialen und demokratischen Zusammenhalt einer Gesellschaft tragen.


Genau darin unterscheidet sich eine Transformation
von einer bloßen Umverteilung -
es geht nicht in erster Linie darum,
Vermögen anders zu verteilen.

Es geht darum, Schritt für Schritt
neue Eigentums- und Steuerungsstrukturen aufzubauen,
die den gesellschaftlichen Nutzen wirtschaftlichen Handelns stärker in den Mittelpunkt rücken
als die Verwertung von Kapital.


Vielleicht beginnt die Überwindung des Kapitalismus deshalb nicht mit seiner Abschaffung.

Vielleicht beginnt sie dort, wo seine Logiken nach und nach ihre Ausschließlichkeit verlieren und neue Formen des Wirtschaftens entstehen, die Kooperation, demokratische Teilhabe und Gemeinwohl nicht als Korrektiv des Marktes verstehen, sondern als seine zukünftigen Nachfolger.

Die eigentliche Auseinandersetzung beginnt erst jetzt

Wer den Kapitalismus als historisch gewachsene Gesellschaftsordnung versteht, wird sich von der Vorstellung verabschieden müssen, dass seine Überwindung das Ergebnis einer einzigen politischen Entscheidung sein könnte. Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich nicht in einem Augenblick. Er entsteht über lange Zeiträume – durch neue Ideen, neue Institutionen und neue Formen des Zusammenlebens.

Vieles davon ist bereits sichtbar.

Vor wenigen Jahrzehnten wäre die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften in vielen Ländern kaum vorstellbar gewesen. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich unsere Arbeitswelt innerhalb weniger Monate grundlegend verändern kann und Homeoffice für Millionen Beschäftigte plötzlich zur Selbstverständlichkeit wurde. 


Bürgerenergiegenossenschaften, Verantwortungseigentum, kommunale Energieversorgung oder
neue Formen demokratischer Unternehmensführung
zeigen schon heute,
dass wirtschaftliches Handeln keineswegs zwangsläufig den klassischen Logiken der Kapitalverwertung folgen muss.

Diese Entwicklungen mögen für sich genommen klein erscheinen. Gemeinsam erzählen sie jedoch eine andere Geschichte -
sie zeigen, dass gesellschaftlicher Wandel längst begonnen hat

Gerade deshalb wächst aber auch der Widerstand


Jede tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung verändert zugleich bestehende Macht- und Eigentumsverhältnisse. Sie stellt Gewissheiten infrage, auf denen wirtschaftlicher Erfolg, politische Einflussmöglichkeiten und kulturelle Deutungshoheit über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Es überrascht daher nicht, dass sich diesen Veränderungen Kräfte entgegenstellen, die in der Bewahrung des Bestehenden ihre eigene Stabilität sehen.

Genau vor diesem Hintergrund erscheinen auch viele aktuelle politische Entwicklungen in einem anderen Licht.


Aus meiner Sicht entfalten
Teile der gegenwärtigen Politik eine destruktive Wirkung,
weil sie nicht an den bereits begonnenen
gesellschaftlichen Transformationsprozessen anknüpfen,
sondern versuchen,
diese zugunsten älterer wirtschaftlicher und kultureller Leitbilder zurückzudrängen


Vielmehr folgt sie einer gesellschaftlichen Vorstellung, die auf eine Rückkehr zu den wirtschaftlichen und kulturellen Leitbildern des späten 20. Jahrhunderts setzt.
Längere Arbeitszeiten, die Relativierung von Homeoffice, die zunehmende Individualisierung sozialer Risiken, die stärkere Orientierung staatlichen Handelns an Wettbewerbsfähigkeit sowie die häufig skeptische Haltung gegenüber gesellschaftlicher Vielfalt folgen einer gemeinsamen Logik -  sie versuchen, die Antworten der Vergangenheit auf die Herausforderungen der Gegenwart anzuwenden.

Doch genau darin liegt aus meiner Sicht die eigentliche Gefahr.

Die Krisen unserer Zeit entstehen nicht deshalb, weil sich unsere Gesellschaft verändert - sie entstehen, weil sich unsere wirtschaftlichen und politischen Strukturen in zunehmendem Maße gegen diese Veränderungen stemmen, als bereit zu sein, aus ihnen zu lernen.

Je stärker versucht wird, gesellschaftliche Entwicklungen mit den Logiken eines Kapitalismus zu beantworten, der selbst wesentlichen Anteil an den heutigen Verwerfungen hat, desto größer wird die Gefahr, dass notwendige Transformationen verzögert werden. Was als Stabilisierung gedacht ist, kann dadurch selbst zu einer Quelle neuer gesellschaftlicher Spannungen werden.

Die eigentliche Auseinandersetzung der kommenden Jahre wird deshalb nicht zwischen Kapitalismus und Sozialismus stattfinden - sie wird zwischen zwei Vorstellungen von Zukunft geführt werden.

Die eine versucht, gesellschaftliche Ordnung durch die Wiederbelebung vertrauter wirtschaftlicher und kultureller Leitbilder zu sichern - die andere begreift Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Voraussetzung dafür, Freiheit, Demokratie, sozialen Zusammenhalt und ökologische Verantwortung unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts neu zu verbinden.

Keine dieser Vorstellungen wird sich durch einen einzelnen politischen Beschluss durchsetzen.

Sie wird sich dort entwickeln, wo unterschiedliche gesellschaftliche Ansätze beginnen, sich gegenseitig zu verstärken - wo Genossenschaften nicht mehr als Nischenmodell verstanden werden - wo kommunale Daseinsvorsorge nicht als Relikt vergangener Zeiten gilt.

Wo Verantwortungseigentum, demokratische Unternehmensformen, eine aktive Rolle des Staates, ökologische Grenzen und sozialer Zusammenhalt wie z.B. Bürgerräte nicht länger nebeneinanderstehen, sondern als Elemente einer gemeinsamen gesellschaftlichen Entwicklung begriffen werden.

Vielleicht besteht genau darin die eigentliche Aufgabe unserer Zeit. Nicht den perfekten Gegenentwurf zum Kapitalismus zu entwerfen.

Die entscheidende politische Frage lautet deshalb nicht mehr, ob wir den Kapitalismus abschaffen können. Sondern ob wir den Mut entwickeln, jene neuen Institutionen aufzubauen, aus denen eines Tages etwas entstehen kann, das wir heute noch nicht einmal benennen können.

Denn nicht der Kapitalismus ist alternativlos.

Alternativlos geworden ist allein unsere Vorstellung, dass es keine andere Zukunft geben könne.

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