Ob Speicher oder E-Autos: Die deutsche Energiewende klappt nur mit Batterien – die aber fast alle aus China stammen. Doch immer mehr deutsche Unternehmen wollen die Dominanz von Peking brechen.
Ein altes Chemie-Gebäude in Dormagen. Eine stillgelegte Industriehalle in Oberfranken. Und zwei riesige „Gigafactories“ im Herzen von Niederbayern. Drei Standorte, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben – mit denen Deutschland aber die chinesische Batterie-Dominanz brechen will.
Batterien sind in diesem Jahrzehnt zu einer der wichtigsten Zukunftstechnologien überhaupt geworden: Batteriespeicher stabilisieren die Stromnetze und machen den Strom aus erneuerbaren Energien zeitlich flexibel. Elektroautos sind im Prinzip Batterien auf Rädern. Und auch über die Energie- und Klimawende hinaus werden Batterien in großem Maßstab benötigt: für Robotik in der Industrie etwa, für Smartphones und Laptops, aber auch für Drohnen im Militärbereich.
Batterien: Wenn Deutschland doppelt einkauft
Bislang jedoch war Deutschland – wie die meisten Länder – bei dieser wichtigen Zukunftstechnologie beinahe komplett von China abhängig. Peking dominiert den Abbau der notwendigen Rohstoffe wie Lithium, Kobalt oder Nickel, chinesische Riesenkonzerne wie CATL und BYD bauen daraus wiederum die Batterien, die immer mehr die Welt am Laufen halten. Vier von fünf Batterien werden nach Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) in China produziert.
Doch damit nicht genug: Auch beim Recycling der Batterie-Rohstoffe ist das Reich der Mitte mit einem Anteil von ebenfalls 80 Prozent einsamer Spitzenreiter. Große Recycling-Unternehmen in Deutschland und Europa extrahieren die Rohstoffe und verkaufen sie dann nach Asien. Über Zwischenhändler bekommt China die sogenannte „schwarze Masse“ zurück, verwendet sie dann für neue Batterien – und verkauft sie erneut in alle Welt. Länder wie Deutschland kaufen denselben Rohstoff also zweimal.
Die Hand auf den Rohstoffen
„Das ist strategisch sehr smart, die Hand auf die Rohstoffe zu halten“, sagt Gideon Schwich. Für Deutschland sei es aber ein strategischer Fehler, meinen Schwich, seine Ehefrau Lilian sowie Mitgründer Paul Sabarny. Zusammen gründeten die drei im Jahr 2022 das Aachener Batterie-Startup Cylib, ihre Überzeugung: dass die einzige Chance, sich aus der China-Abhängigkeit zu lösen, im konsequenten Recycling und Wiederverwerten besteht.
Dazu kaufte Cylib im vorigen Jahr ein Gebäude der Bayer-Werke in Dormagen, in dem früher Textilfasern produziert wurden. Dazu kommt jetzt eine Anlage zur Aufbereitung alter Batterien im oberpfälzischen Wernberg-Köblitz. Beide Standorte bilden zusammen mit einem Forschungslabor ein Dreieck, das zu einem der größten Recycling-Projekte in Europa werden soll. Mehr als 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Startup mittlerweile, eine Expansion ins Ausland wird geprüft.
Schwarze Masse enthält das „weiße Gold“
„Die Energiewende steht und fällt mit der Verfügbarkeit von Batterierohstoffen“, sagt Schwich. Die einstigen Kommilitonen der RWTH Aachen entwickelten daher eine Technologie, mit der sie nach eigenen Angaben mehr als 90 Prozent der „kritischen“ Rohstoffe aus den Lithium-Ionen-Batterien von Elektro-Autos, Handys oder Schiffsmotoren herausfiltern und wieder für neue Batterien verwenden können.
In einer Pilotanlage in Aachen zeigt Ingenieurin Lilian Schwich, wie das funktioniert: Zunächst werden die Batteriemodule entladen, auseinandergebaut und in einem Industrieofen erhitzt. In einer mechanischen Sortier- und Zerkleinerungsstation werden die Module geschreddert, bis ein Zwischenprodukt entsteht – die „schwarze Masse“. Diese Masse enthält alle „aktiven“ Materialien einer Batterie: Lithium, Mangan, Kobalt, Grafit und Nickel.
Ab Ende 2026, wenn alles klappt, soll es dann folgendermaßen laufen: In Wernberg-Köblitz werden die Elektrobatterien ausgebaut und mechanisch aufbereitet. Die so gewonnene „schwarze Masse“ geht nach Dormagen. Dort filtert Cylib die wichtigen Rohstoffe heraus, die damit im Land bleiben. „Wir haben im Endeffekt fünf verschiedene reine Materialien, die wir wieder in eine Batterie zurückführen können“, sagt Lilian Schwich. Damit bleibe alles in europäischer Hand – und Europas Unabhängigkeit werde gestärkt.
„Man musste nur hinschauen“
Tief in Niederbayern will das Batterieunternehmen Fenecon sogar noch einen Schritt weitergehen: Dort sollen nicht „nur“ die Rohstoffe herausgefiltert werden – die gesamte Produktion von Batteriespeichern soll hier erfolgen. Batterietechnik Made in Germany.
„Ich habe ja auch mal in China gelebt“, sagt Fenecon-Chef Franz-Josef Feilmeier zu FOCUS online Earth. „Ich mag China und die Menschen dort. Aber wenn man über eine große Solarmesse in Europa geht, sind 50 Prozent der Aussteller und 70 Prozent der Messefläche chinesisch. Das sind dann schon Machtdemonstrationen.“
Ein Praktikum beim Augsburger Fahrzeugbauer MAN führte Feilmeier im Jahr 2005 nach Peking, ein Besuch bei BYD wenige Jahre später ließ bei dem damaligen Mittzwanziger jeden Zweifel verschwinden: Die Chinesen, die meinen es ernst. Mit einem eigenen Vorzeigedorf habe BYD schon damals gezeigt, wie E-Autos, Solaranlagen, Wärmepumpen und Batteriespeicher zusammenarbeiten können, erzählt Feilmeier. „Man konnte in China schon damals sehen, wohin die Reise geht. Man musste nur genau hinschauen.“
Von der Scheune zur „Gigafactory“
Also gründete Feilmeier im Jahr 2011 mit seiner Frau Alexandra und seinem Bruder Stefan das Batterie-Startup Fenecon, damals noch in der Scheune des Vaters. Heute zählt das Unternehmen 300 Mitarbeiter und verzeichnet einen Jahresumsatz von 140 Millionen Euro, gerade eben erst hat man mit einem eigenen Werk in die USA expandiert.
Herzstück des Unternehmens bleiben aber die beiden großen „Gigafactories“ in Albersdorf und Iggensbach in Niederbayern. Dort produziert Fenecon seine Speichersysteme, sowohl für die Industrie als auch für den Heimgebrauch. Schon bald sollen auch die Wechselrichter und Batteriemodule nicht mehr aus China kommen – die Speicher wären dann zu hundert Prozent Made in Germany.
„Das war wie eine verlorene Liebe“
Dabei war Fenecon in der Anfangszeit so etwas wie der verlängerte Arm von BYD in Deutschland. Die Chinesen und die Niederbayern entwickelten zusammen Batterien, die Fenecon dann für BYD in ganz Europa vermarktete. Ein Patentstreit während der Corona-Jahre führte jedoch zum Bruch: Fenecon gewann zwar den Rechtsstreit mit dem China-Riesen, der stellte aber sofort die Kooperation ein – Feilmeier und seine Mitarbeiter standen plötzlich alleine da.
„Die haben uns einfach nicht mehr beliefert und waren für uns auch nicht mehr erreichbar“, sagt Feilmeier. 80 Prozent des Umsatzes seien über Nacht weggebrochen. „Das war wirklich so ein bisschen wie eine verlorene Liebe. Wir haben für die ja auch wirklich viel getan.“
Eine schmerzhafte Erfahrung, nach der sich Feilmeier schwor: nie wieder abhängig sein von irgendwem. Fenecon sollte in Zukunft alles selbst produzieren, hier in Deutschland.
Speicherbau mit Autoteilen
In der Praxis erfordert das bisweilen kreative Lösungen. So wie in der 2024 eröffneten „Car Battery Refactory“ in Iggensbach: Dort nimmt Fenecon überschüssige Batterien aus der Autoindustrie und baut mit ihnen nagelneue Batteriespeicher. Die Batterien wandern nicht zum Recyceln nach China ab, sondern bleiben im Land – und ermöglichen neue Speicher für die deutsche Energiewende.
Es komme überraschend oft vor, dass ein Autohersteller auf Batterien sitzenbleibt, erzählt Feilmeier, etwa weil er weniger E-Autos verkauft hat als gedacht oder es mittlerweile ein neueres Batteriemodell gibt. „Mit dem, was allein bei den Autoherstellern übrig bleibt, könnte man den kompletten Großbatteriemarkt in Deutschland versorgen“, sagt der Fenecon-Chef.
„Wir wollen keinen Krieg“
Die Autobatterien seien hochgezüchteter als die Modelle, die sonst in Stromspeichern verwendet werden, und damit auch teurer. Aber weil die Autohersteller sie loswerden wollen, bekomme man sie meist billiger als Speicherbatterien aus China.
„Wir wollen keinen Krieg gegen die Chinesen anzetteln“, betont Feilmeier zwar. „Aber wir haben in Deutschland genügend Aufgaben: Reindustrialisieren, Arbeitsplätze schaffen, Wertschöpfung generieren, die Energiewende voranbringen. Und das können wir eben selbst tun.“ In Aachen, bei den Recyclern von Cylib, wird man das ähnlich sehen.
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