Montag, 17. August 2026

Der neue Klimabericht aus Brüssel : Wie aus dem Klimanotstand die Kettensäge wurde

 Peter Jelinek / LinkedIn

Die Folgen der Klimakrise (und des Wetterphänomens El Niño) sind im eigentlichen Sinne nicht politisch.

Sie sind lediglich physikalische Gesetzgebungen, vor denen uns eine Reihe an Klimaforscher*innen konstant seit den 1980er Jahren warnen. 

Das Schweigen des Kanzlers und des EU-Rates – und folglich auch der EU-Kommission – wiederum schon. 

Kein Hitzegipfel in Berlin oder Brüssel, nicht einmal ein Notfalltreffen zur kürzlich aufgetretenen Stromkrise in Ungarn oder Rumänien oder zur sich anbahnenden historischen Ernteausfällen, die preislich früher oder später in den Backstuben und damit den Verbraucher*innen landen werden. 

Aber es passt zur Zeit und eben jene Zeit müssen wir uns genauer anschauen, um zu verstehen, wieso das Schweigen so groß wie die derzeitigen Folgen der Klimakrise ist. 


Der neue Klimabericht aus Brüssel  hier 
Peter Jelinek  16. August 2026

Wie aus dem Klimanotstand die Kettensäge wurde


Liebe Leserinnen und Leser,

Wenn wir die Fakten des diesjährigen historischen Dürresommers – der letzte war 2018 und zog sich über mehrere Jahre (!) – ansehen, dann ist das derzeitige Schweigen des Bundeskanzlers Friedrich Merz und der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen atemberaubend wie die verschwundenen Flüsse, ausgetrockneten Seen, braunen Äcker, europaweiten Waldbrände, auf Grund gelaufenden Schiffen, abgeschalteter Atom- und Kohlekraftwerke oder den über 12.000 Hitzetoten allein in Deutschland. 

Die Folgen der Klimakrise (und des Wetterphänomens El Niño) sind im eigentlichen Sinne nicht politisch. Sie sind lediglich physikalische Gesetzgebungen, vor denen uns eine Reihe an Klimaforscher*innen konstant seit den 1980er Jahren warnen. Das Schweigen des Kanzlers und des EU-Rates – und folglich auch der EU-Kommission – wiederum schon. 

Kein Hitzegipfel in Berlin oder Brüssel, nicht einmal ein Notfalltreffen zur kürzlich aufgetretenen Stromkrise in Ungarn oder Rumänien oder zur sich anbahnenden historischen Ernteausfällen, die preislich früher oder später in den Backstuben und damit den Verbraucher*innen landen werden. Aber es passt zur Zeit und eben jene Zeit müssen wir uns genauer anschauen, um zu verstehen, wieso das Schweigen so groß wie die derzeitigen Folgen der Klimakrise ist.

Europa glüht – und das seit gestern schon

Über Jahrzehnte hatten Wissenschaftler*innen, Umweltverbände und Aktivist*innen hinsichtlich der Klimaerhitzung immer ein Problem: Es war nie so heiß, trocken oder nass, wie es die Prognosen der Klimamodelle vorhersagten und damit blieben die Warnungen sehr abstrakt.
Während im Katastrophenfilm “The Day After Tomorrow” innerhalb von zehn Minuten der Atlantik einfriert und New York City von gigantischen Wellen überschwemmt wird, gab es zwar in der realen Welt vereinzelt punktuelle schlimme Ereignisse, aber die Abfolge dieser waren eher über Jahre zu sehen und wurden dann geschickt in Medienbeiträgen als “strittiges” Geschehniss verpackt – war es denn nun der Klimawandel? 

Ja, oft war es das, aber weder geschahen die Dinge innerhalb von wenigen Minuten und waren direkt sichtbar, sondern wie immer in den planetaren Zusammenhängen löste ein Ereignis ein anderes aus, was durchaus Monate, wenn nicht Jahre, in Anspruch nehmen kann.

Für die Politik ist das pures Gift, weil sie in der Regel eine gute Grundlage für ihre Entscheidung braucht und Medien wie Menschen haben eines gemeinsam: Sie vergessen oder verdrängen, weil neue Probleme dringender erscheinen – oder weil es ja vielleicht doch nicht so schlimm war, wie die “Klimapologeten” immer sagten.

Doch bereits 2018 und den Folgejahren erlebten wir eine historische Dürre. Konkret hat 2018 erstmals seit 1976 wieder eine großflächige Dürre in Deutschland sowohl im Oberboden als auch über die gesamte Bodentiefe gebracht. Die bereits im Frühjahr einsetzende dauerhaft ungewöhnliche Wärmeperiode rief eine Dürre hervor, die weit über das Jahr hinaus Auswirkungen auf Versorgungen hatte. Flüsse wie der Rhein und die Elbe führten historisch niedrige Wasserstände, das Kühlen von Atomkraftwerken fiel in Teilen Europas weg, Waldbrände und Ernteausfälle folgten auf die langen Hitzeperioden. 

Im Dezember 2018 wurde der Begriff „Heißzeit“ zum deutschen Wort des Jahres 2018 gekürt. In Lettland und Litauen wurde der nationale Notstand ausgerufen, während in Island die Menschen den kältesten und nassesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebten – so viel zur planetaren Kettenreaktion. Überall in Europa wurden auf die ein oder andere Weise Rekorde gebrochen und die Folgen für Wirtschaft, Menschen und die biologische Vielfalt wirken bis heute nach. Nur drei Beispiele.

Extremwetter wie die außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer der vergangenen Jahre sowie die Hochwasserkatastrophe von 2021 haben in Deutschland Schäden von insgesamt über 80 Milliarden Euro verursacht. Allein die Entschädigungen an Landwirt*innen betrugt 2018 rund 340 Millionen Euro. Die Kosten trägt die Allgemeinheit bis heute.

Die Dürre 2018 verursachte in Deutschland große Verluste unter jungen wie älteren Bäumen, weil sie vertrockneten oder so stark geschwächt wurden, dass sie Schädlingen zum Opfer fielen. Junge Bäume starben, weil sie noch keine tiefen Wurzeln ausbilden konnten und so nicht ans tiefergelegte Wasser kamen. Allein für Deutschland wurde kalkuliert, dass etwa 85 Prozent der neu angepflanzten Jungbäume vertrockneten – etwa 500 Millionen insgesamt. Die Folgen für die Wälder werden Jahrzehnte zu spüren sein und neue Ereignisse wie in diesem Jahr werden die geschwächten Wälder weiter schwächen.

Und spätere Studien ergaben, dass sich die Wälder auf europäischer Ebene durch eine Verringerung der Verdunstung und des Wachstums schützten, was zu einer verminderten Aufnahme von Kohlendioxid führt. Die Kohlenstoffsenken verringerten sich laut einer Studie, die 56 Standorte umfasste, insgesamt um 18 Prozent. Die trockenen Bedingungen machten sogar einige Ökosysteme von Senken zu Quellen. Damit haben wir schwarz auf weiß: Natürlicher Klimaschutz, auf den in Europa und in der Welt viel gesetzt wird, ist ein großes Risiko.

Wer jetzt denkt, hier wurden 2018 und 2021 durcheinander gebracht: Dem ist nicht so, denn die Ereignisse sind im Zusammenhang zu verstehen. Auf die großen Hitzeperioden folgen unter anderem große Mengen Niederschläge, weil bspw. mehr Wasser verdunstet und die aufgeheizte Atmosphäre deutlich mehr Wasser aufnehmen kann – hier tritt die Clausius-Clapeyron-Gleichung in Kraft, nach der eine aufgeheizte Atmosphäre pro Grad Celsius Erwärmung etwa 7 Prozent mehr Wasserdampf aufnimmt.

Deutlich mehr Regen durch deutlich mehr Verdunstung im Zuge der heißen Tage in sehr kurzer Zeit fällt auf einen ausgetrockneten und damit versiegelten Boden, der die Wassermengen nicht bewältigen, aber übers Land hinwegschwemmen lässt und die wertvollen Humusschichten auf den Äckern – sowie vieles drumherum – mit sich reißt. Die Folgen dieser Ereignisse sind nicht nur ökologisch gesehen verarmte Regionen, sondern große finanzielle Probleme durch zerstörte Infrastruktur, Ernteausfälle bis hin zu verlorenen Menschenleben. 

Und wer heute aus dem Fenster blickt, der sieht genau das sich wiederholen nur mit noch wärmeren Temperaturen und damit noch extremeren Folgen. Europa glüht regelrecht, weil es innerhalb der Erderhitzung der sich am schnellsten aufzeigende Kontinent ist. Landflächen erwärmen sich global gesehen deutlich schneller als die tiefen Ozeane, weshalb die steigende Durchschnittstemperatur im Zuge der Klimaerhitzung im Grunde hierzulande verdoppelt werden kann. 1,5 Grad mehr global sind hier rund 3 Grad, was wiederum regionale Unterschiede in Form von Rekordtemperaturen von über 40 Grad erzeugen kann. 

Und diese Temperatursteigerungen, die dieses Jahr noch durch das Phänomen El Niño verstärkt werden (siehe Grafik unten) und uns in die Nahe Klimarealität blicken lässt, treffen auf einen Kontinent, der darauf nicht vorbereitet ist. 


Das derzeitige Schweigen des Kanzlers,
der 27 EU-Staats- und Regierungschef*innen
– also des EU-Rates insgesamt –
und der EU-Kommission
macht diese physikalischen Ereignisse dann zu einer Sache: einem Politikum. 

Oder anders gesagt:
Das Schweigen kommt einer politischen Kapitulation
vor den Herausforderungen der aktuellen und kommenden Zeit gleich und noch schlimmer:

Sie heizen die Krise mit ihrer aktuellen Politik noch weiter an. 


Auf die Gründe dafür gehen wir jetzt ein.

Vom Klimanotstand zur Kettensäge

Ausgerechnet im November 2019 geschah etwas, was untypisch für die Jahreszeit war: Die Europäische Union rief den Klimanotstand aus. Das Besondere an diesem Moment war nicht nur der allgemeine Druck von der Straße, weil Fridays For Future in den Vormonaten Millionen Menschen in Europa und weltweit auf die Straße brachte, sondern auch die parteiübergreifende Mehrheit im Europäischen Parlament, die diesen Moment ermöglichte.

Während heute der Chef der konservativen EVP, der CSUler Manfred Weber, fast wöchentlich Hand in Hand mit der rechtsextremen AfD und anderen Parteien bzw. rechts-nationaler Fraktionen Klimagesetze aushebelt, votierte damals die EVP für die Resolution. 

Ja, es war ein symbolischer Akt. Aus einer Resolution entstand kein direktes Gesetz, aber sie hatte es in sich, forderte sie doch die EU-Kommission auf, dass alle neuen Gesetzesvorschläge mit dem Ziel übereinstimmen sollten, die Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen und das der Kontinent spätestens 2050 klimaneutral ist. 

Einige Wochen später gab EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Green Deal bekannt – angelehnt an den New Deal von 1933 unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise. Europa soll der erste klimaneutrale Kontinent der Welt werden. Eine “Mondmission”, wie es damals hieß, und eine Reaktion auf die Dürre von 2018 und den unübersehbaren Folgen.

Aber nicht nur das. Zwei Faktoren spielten ebenfalls eine große Rolle: 

  1. Es war ein cleverer Schachzug der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in ihrer Partei und zusammen mit dem Koalitionspartner der SPD auf erbitterten Widerstand bei neuen Klimamaßnahmen stieß. Die CO2-Bepreisung löste im Grunde eine Regierungskrise aus und zugleich war klar, dass Klimaschutz EU-Hoheit ist. Den inner-nationalen Widerstand umschiffte sie gekonnt, indem sie von der Leyen das Klimaschutz-Zepter überreichte, wohl wissend, dass alle Folgegesetze innerhalb des Green Deals alle nationalen Bereiche (Verkehr, Energie, Landwirtschaft, Gebäude, …) beeinflussen wird. Nicht nur Robert Habeck wurde das mit seinem “Heizgesetz” zum Verhängnis (ein Erbe der Schwarz-Roten-Koalition), sondern mittlerweile auch Friedrich Merz. 

  2. Der zweite Faktor aber waren die wirtschaftlichen Herausforderungen.
    Klimaschutz ist ein globales Anliegen. 

    • Wer baut die Solarpanele, Windkraftlagen, Batteriespeicher dieser Welt? 
    • Wer liefert den CO2-neutralen Stahl, die E-Autos, Züge, emissionsarmen Flugzeuge samt deren Treibstoff? 
    • Wer hat die smarten dezentralen Netze, kann die theoretisch unendlichen Energieströme aus Sonne und Wind in eine europäische KI umwandeln? 

Die Antwort darauf war sehr oft: China. Das Land war 2018 und 2019 dabei, die Verbrenner-Autos zu überspringen und präsentierte einen E-Auto-Anbieter nach dem anderen – angeheizt durch massive Subventionen und einen politischen Willen, hier führend zu sein. Bei der Produktion von Solar- und Windkraftanlage, Batterien und vielen weiteren Clean-Tech-Industrien führte es bereits, die vorgelagerte Kette um Rohstoffe und allen voran seltenen Erden beherrschte es ebenfalls.

Batterien, Wechselrichter, Klimaanlagen, Wärmepumpen, ja sogar CO2-neutrale Stahlöfen oder Wasserstoffproduktionsanlagen: China hatte innerhalb von 15 Jahren erreicht, was Europas Erfolgsrezept direkt bedrohte: Das Exportmodell. Denn wer kauft schon teure Verbrenner, wenn die E-Autos viel effizienter und leiser sind und eine höhere Reichweite bei längerer Laufleistung haben? Wer macht sich von Öl- und Gas eines erratischen Autokraten namens Donald Trumps (oder Putin) abhängig, wenn er den Strom vor Ort mit Solar produzieren und Batterien speichern kann? Wer beantwortet die Frage nach dem großen Energiehunger mit der Antwort, ich baue Ölkraftwerke neben KI-Rechenzentren? Niemand bei ökonomischen oder ökologischen Verstand.

Und so einte die Europäische Union im demokratischen Spektrum damals aus unterschiedlichen Richtung eine Sache: der Klimaschutz, denn er hatte ökologisch und ökonomisch verschiedene Anreize, womit sich Konservative wie Grüne, SPDler wie Linke oder Liberale gut wiederfinden konnten

Nur, was ist davon heute geblieben? Denn auf den Klimanotstands-Politik 2019 folgte wenige Jahre später die Kettensägen-Politik, deren Ergebnis ein alarmierendes Schweigen angesichts noch größerer Klimafolgen als 2018 sind.

2024 – Das Jahr als die Konservativen den Green Deal aufgaben

Die Europawahl 2019 hatte aus deutscher Sicht eine interessante Komponente: Die Grünen gewannen stark hinzu. Getragen durch die Klimabewegungen erlangten sie im EU-Parlament eine solche Größe, dass sie immer entscheidender in Mehrheitsfindungen während der Umsetzung des 2019 beschlossenen Green Deals waren.

Wie immer im politischen Geschehen sind die Gewinne der einen Partei, die Verluste der anderen – in diesem Fall die der deutschen Christdemokraten. Während die EVP-Fraktion im Grunde wenig Veränderungen spürte, nagte der Bedeutungsgewinn der Grünen an ihrem Vorsitzenden, Manfred Weber. 

Weder wurde er entgegen des Versprechens 2019 EU-Kommissionschef, noch konnte er mit dem Green Deal daheim und anderswo punkten. Im Gegenteil. 2020 folgte Corona, 2022 begann Putins 3-Tages-Invasion in der Ukraine, die bis heute anhält. Trumps Wiederwahl und Chinas paralleler Aufstieg als neue feste Wirtschaftsgroßmacht brachte Europa in vielerlei Hinsicht bis heute ins Schwitzen. Lieferketten brachen weg, die fossilen Schocks lösten Schockwellen aus, die bis heute anhalten, auch weil Donald Trumps Kriegsgelüste neue fossile Krisen und Zusammenbrüche von Lieferketten auslösen.

Abhängig von fossilen Ressourcen und damit in der Hand von Putin oder Trump sowie von weltweiten Lieferketten – allen voran aus China und seinem Absatzmarkt – geriet der Green Deal, also der Umbau der europäischen Wirtschaft, unter Druck. Dieser Druck und die oben genannten Ereignisse sowie die 2021 neu in Deutschland geformte Ampel-Koalition mit einem grünen Wirtschaftsminister und dem starken Aufstieg der Rechtsextremen in Deutschland und Europa durch eine Mischung aus Frust, Big-Tech und Lügenkampagnen, ließ Weber dann 2024 in eine neue Richtung schwenken: erstmals in der europäischen Nachkriegszeit gab er die inoffizielle demokratische Koalition zwischen Konservativen, Sozialdemokraten und Liberalen auf und wandte sich an die neuen Fraktion rechts der Konservativen – unter ihnen Faschisten, Rechtsextreme oder National-Libertäre. 

Mit dieser Neu-Rechten Mehrheit schreibt Weber seither europäische Geschichte

Sie wird nicht in Stein gemeißelt sein, weil es keinen Koalitionsvertrag gibt, aber die Richtung ist unverkennbar und Weber zuckte nach jedem Aufschrei über diese neue Koalition mit den Schultern. So, wie man 2019 und 2020 versuchte die grünen Themen aufzusaugen, so versuchen es die Konservativen nun verzweifelt mit den Rechten. 

Sie scheiterten an den grünen Themen, weil sie in ihrer parteipolitischen Geschichte wenig bis gar nichts damit anfangen konnten, bei den rechten Themen – von Migration über Wirtschaft und eben gegen den Klimaschutz (die Grünen) – sind die Überschneidungen hingegen frappierend. 

Und so kamen 2024 zwei Dinge zusammen: Zwar saß erneut Ursula von der Leyen an der Spitze der Kommission, aber ihre Wiederwahl fiel deutlich schlechter aus als noch 2019, ja konnte nur mit den Stimmen von Webers Erzfeind sichergestellt werden: den Grünen. Eine Ohrfeige für sie, die ihr heutiges Schweigen beim unübersehbaren Klimanotstand begründet. Sie verlor ihre eigene Partei und damit eine der drei wichtigen Institutionen in der EU: die Mehrheit des Europäischen Parlaments für ihr Green Deal-Vorhaben.

Die zweite Sache war dann der lauthals angekündigte Abgesang auf den Green Deal im EU-Rat. Ein Jahr nach der Wahl redete Weber ganz offen über seine Ziele: 

“Sozialdemokraten, Grüne und Liberale: Linksliberale im Kern. Diese Mehrheiten haben das Verbrenner-Aus beschlossen – gegen unseren Widerstand. Haben die Entwaldungsverordnung beschlossen – gegen unseren Widerstand. Haben das Natur-Wiederherstellungsgesetz (beschlossen) – auch ein bürokratischer Wahnsinn. Und ich sage euch: Ich bin derzeit beschäftigt im Aufräumen der Fehler der letzten drei Jahre."

Weber beerdigt im Eiltempo und mit Mehrheiten rechts seiner Partei den Green Deal, während vor den Toren des Parlaments die Felder entweder verdorren oder überschwemmt, Chinas E-Autos an deutschen Verbrennern vorbeifahren und wir jeden Gefallen Donald Trumps abnicken, weil wir Angst haben, dass er uns neue Zölle aufhalst und die Gaslieferungen einstellt. 

Das Schweigen des Kanzlers Friedrich Merz? Es ist ein Handschlag für seinen Parteikollegen Manfred Weber, in Brüssel aufzuräumen und wenn man so will, ein Racheakt Webers und Merz an ihre alte Parteikollegin Angela Merkel.

Ist der Rollback noch aufzuhalten?

Wie “erfolgreich” diese Strategie ist, sehen wir anhand nüchterner Ereignisse im EU-Parlament. Innerhalb von zwei Jahren wurde oftmals unter tosendem Applaus von anti-europäischen und anti-demokratischen Parteien, die nicht selten den menschengemachten Klimawandel leugnen, eine Reihe an europäischen Kerngesetzen für die Klimaziele und Klimaneutralität ausgesetzt oder aufgeweicht. 

  • Der erste Emissionshandel wurde geschwächt, neue CO2-Zertifikate auf den Markt gebracht. 
  • Das Aus des Verbrenner-Aus 2035 wurde aufgeweicht und wird vermutlich noch weiter geschwächt. 
  • Die Methan-Verordnung wird derzeit angegriffen, 
  • das Klimaziel 2040 wird so lückenhaft sein, dass es das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben wird. 
  • Der zweite Emissionshandel wurde um ein Jahr verschoben, 
  • die Entwaldungsverodnung ebenfalls. 
  • Und noch im Juni diesen Jahres plant die rechte Regierung in Schweden zusammen mit anderen weitere Rückschläge beim Klimaschutz, während das Land und der Kontinent regelrecht glüht. 

Die Schäden dieser Schritte werden wir über Jahrzehnte spüren. Denn wie so oft sind ökologische Verwerfungen über lange Zeiträume hinweg zu sehen oder zu spüren und allen voran, wenn die Einschläge der Klimafolgen immer häufiger auftauchen. Die Kosten dieses Rollbacks werden also jetzt schon und garantiert in späteren Jahren auf die Gesellschaft abgelegt, während Öl- und Gaskonzerne durch Kriege und Abhängigkeiten Milliardengewinne einfahren. 

Doch am Ende, und das ist der springende Punkt, ist der wirtschaftliche Umbau kaum noch zu bremsen. 

  • Das Aus des Verbrenner-Aus wird Audi & Co. nicht helfen. 97 Prozent der neu zugelassenen Privat-PKW im Juli dieses Jahres in Dänemark waren E-Autos – um nur ein Beispiel zu nennen. 
  • Die angebliche Rückkehr der Atomkraft in Europa wird sich mit jedem Sommer mehr und dem Fehlen von Kühlwasser in Luft auflösen und ist bis heute kaum messbar, während die Erneuerbaren durch die Decke schießen.
    Bereits 2025 haben sie zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen in der EU offiziell mehr Strom als aus allen fossilen Brennstoffen zusammen erzeugt. Dieser Trend ist nicht aufzuhalten.

Diese Entwicklungen sind nicht von der Hand zu weisen und umso klarer ist die Strategie der Rechtsextremen: Sie wollen schlicht alles zerstören (“Windräder der Schande”), bis sie an einem Punkt sind, wo folgendes passiert (die USA unter Trump sind da schon): Nach der Leugnung des menschengemachten Klimawandels geht es in eine nächste Phase über. Die Phase der fehlenden Empathie gegenüber den Betroffenen der Krise und der Geschichte, dass wir für dich sorgen, solange du loyal bist.

Anders gesagt: die Wiederkehr des Faschismus, angeheizt durch Menschen wie Elon Musk und umgesetzt von Parteien wie der AfD, dem Rassemblement National oder den “Wahren Finnen”, ist eine, in der die Welt die Klimaerhitzung von 3 bis 5 Grad global hinnehmen, aber du dich persönlich nicht um das Leid der anderen scheren musst. 

Parallel entsteht eine Akkumulation von Macht und Geld, was immer zusammenhängt: Wenige Tech-Firmen – von Social Media bis hin zu KI – bestimmen, was wir sehen, mit dem wir interagieren, was wir schreiben dürfen. Demokratie und Regeln sind ihnen ein Dorn im Auge, weshalb Krypto und Kettensäge ihnen so gut ins Bild passen. 

Genau diese Geschichte wollen sie durchdrücken und Konservative wären gut beraten, sich für kurzfristige wirtschaftliche Gewinne, die durch die direkten Folgen der Klimakrise oder Chinas Wirtschaftsaufstieg direkt wieder zunichtegemacht werden, sich nicht auf deren Spiel einzulassen

2029 wird damit das entscheidende Jahr für unseren Kontinent und ja, vielleicht auch den Planeten. Sowohl in Deutschland als auch in Europa wird gewählt. Es könnte die wohl letzte Chance sein, angesichts der Trumps dieser Welt und den Folgen der Klimaerhitzung eine Kehrtwende einzulegen und neue Standards zu setzen. Bis dahin bleibt das Mittel der Schadensbegrenzung, Etappensiege bei Zwischenwahlen in Europa einzufahren und die Vorbereitung auf diese so entscheidenden Wahlen am Ende dieses Jahrzehnts. 

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